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Der Jude · 1917-01-01 · 2 (1926) Sonderheft Erziehung · p. 103

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
2 (1926) Sonderheft Erziehung
Article
Über religiöse Erziehung
Date
1917-01-01
Page
103 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Über religiöse Erziehung vornherein wissen, daß diese Zweifel um so tiefer das Kind bewegen, je größer seine Urteilskraft, sein selbständiges Denken ist. Auch hier ist es selbstverständlich, daß nur-Vater und Mutter Helfer und Kameraden sein können, denn gerade diese religiösen Zweifel können nur unter vier Augen ausgesprochen werden, und sie werden es auch nur dann, wenn die Eltern von vornherein alle Schranken der Autorität beseitigt haben. Ein wirkliches Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern kann aber nur statthaben, wenn die Eltern nichts anderes vor den Kindern voraus zu haben glauben, als das längere Leben und damit die größere Erfahrung. Die Kinder gleichen das aus: sie haben die Jugend voraus und die größere Sehnsuchtskraft. Wenn nun die Zweifel sich der jungen Seele bemächtigen, dann wird sie trotzdem nicht an dem Wesen, an der Existenz eines Göttlichen zweifeln — denn tausendfach hat sie ja dieses Unwandelbare, Unfaßbare selbst entdeckt und erlebt — sondern die Zweifel werden dem Gottes begriff gelten, wie er überliefert ist, der Offenbarung der jüdischen Lehre. Denn in dieser Periode erheben sich zum ersten Male vor dem jungen Menschen alle die unlösbaren Rätsel des Lebens in ihrer ganzen Grausigkeit. Er erkennt alle grauenvollen Unstimmigkeiten des Daseins: Krankheit, Elend, Ungerechtigkeit und Tod, und er kann nicht glauben, daß es einen gütigen Gott gibt, der all das zuläßt. Hier nun ist der Punkt, wo jene Forderung, die zuerst aufgestellt wurde, zu ihrer vollen Bedeutung gelangt: die Lehre muß dargestellt werden als die Formulierung, als der Begriff, den sich der jüdische Mensch von dem immanenten Wesen gemacht hat, als Zeugnis von seiner Begegnung mit Gott. Man muß dem jungen Menschen den langen, beschwerlichen Weg zeigen, den das Judentum zu Gott pilgerte, ihm aufweisen, daß es der steilste, einsamste und heiligste ist, den Menschen je zu gehen wagten. Die Weite dieser Wanderung muß aufgezeigt werden, die von den Anfängen religiöser Ahnungen bis zu dem reinen Monotheismus des Judentums führt. Zuerst der Mensch der Vorzeit, der in Elend und Dunkel gestellt, sich übermächtigen Naturkräften hilflos preisgegeben sieht und, benommen von den alles niederhämmernden Erfahrungen seines Lebens, sich als Spielball böser und guter Gewalten erkennt, die er durch Opfer und Geschenke sich demütig geneigt zu machen sucht (Animismus, Fetischismus). Wie der Mensch dann langsam lernt, durch Klugheit und Gewandtheit den Druck der Lebensnöte ein wenig zu lösen, wie er seine Vorstellungen von den ihn umgebenden Geistern mit den Träumen seiner Phantasie umkleidet, wie er ihnen die herrlichsten menschlichen Schönheiten zuschreibt, 103

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