Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Über religiöse Erziehung
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 105 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Über religiöse Erziehung lieh transparent: Sie werden erschütternde Zeugen eigener Kämpfe, eigenen Suchens, eigener Sehnsucht werden, und ein ganz lebendiges, zeitnahes Band wird ihn mit seinen Ahnen verbinden, in denen er dasselbe Blut weiß, dessen Rhythmus in seinen eigenen Adern pocht. So faßt der junge und ringende Mensch sein Judentum auf nicht als etwas Erstarrtes, nicht als einen Zustand, sondern er löst es wieder auf in nachzuerlebendes Erlebnis. Und so kann Judentum vielleicht wieder das werden, was es einst war: die schöpferische Kraft eines Volksgenius, dessen Zielrichtung Gott ist. ERNST SIMON Crjteijttns jut Ctaöitton (Eine Skizze) Jede echte Erziehung muß mit den Erziehern beginnen. Diese Wahrheit macht das moderne Problem der jüdischen Erziehung so schwierig. Denn wir haben heute, mit ganz geringen Ausnahmen, keine Erzieher zur vollen und echten Jüdischkeit mehr, und auch noch keine neuen. Wenig Häuser, in denen die jüdische Form der ebenso selbstverständliche wie täglich neu eroberte Ausdruck einer lebendigen, eines gestaltenden sittlichen Willens ist. Und kaum noch Männer und Frauen, und kaum schon junge Menschen, denen die neuen Tafeln ihres Lebensweges die gleiche Schrift entdeckten, die auf den alten, zerbrochenen Tafeln stand. Und doch ist in diesem Bilde der Bibel das ganze Geheimnis der jüdischen Tradition offenbar: immer wieder die Tafeln zerbrechen, immer wieder neue Tafeln schreiben, und immer wieder die paradoxe Identität beider Inschriften, durchaus nachträglich, bestätigt finden. Wir stehen heute in einer Zeitwende, die soeben die alten Tafeln zerbrochen hat oder sie gerade zerbricht, die mit dem Schreiben der neuen noch nicht oder gerade eben beginnt, die aber fast nirgends die Identität, die Einheit, d. h. die Ewigkeit der Lehre schon wieder entdeckt hat. Da nun Erziehung etwas Praktisches meint, wäre es sinnlos, an dieser Situation vorüberzugehen, ist es einzig sinnvoll, in diese konkrete Stunde hineinzusprechen. Aber diese Stunde verläuft verschieden für den jüdischen Osten und Westen, verschieden sogar für die einzelnen Schichten innerhalb einer geographisch abgegrenzten, z. B. des deutschen Judentums: für Orthodoxie, Reform, Zionismus. So sicher der metaphysische Grundgehalt, der hinter der Tradition lebt, sich gleich bleibt, so allmählich auch die Ände- 105