Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Über religiöse Erziehung
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 102 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Elfride Bergel-Gronemanu Frage vordringen: „Wie kommt es, daß etwas wächst?" Nun ist es an dem Punkt, wo sich das Geheimnis kundtut. Das ist es, darauf kommt es an. Das Geheimnis, das allem Dasein zugrunde liegt, das muß das Kind immer und immer wieder entdecken: Das Göttliche, die Macht, die hinter den Erscheinungen wirkt. Mit fortschreitendem Alter wird man das Kind von dem Erleben der Wunder der äußeren Erscheinungen zu denen im eigenen Innern führen: das Kind entdeckt die geheimnisvollen Wunder seines eigenen Daseins. Vielleicht ist es ein schöpferisches Kind — es formt z.B. Melodien. Man führt es zu der Frage: ,,W a s macht eigentlich diese Musik in mir?" Das Kind wird sich bewußt werden, daß ein Geheimnisvolles, daß ein ,,Es" in ihm wirkt. So wird das Kind zur Demut fähig, diesem religiösen Grundgefühl, das nicht etwa ängstliche Ratlosigkeit ist, sondern ein hohes Erleben und Erschauen und Erhorchen kosmischen Geschehens. Diese Demut ist Ehrfurcht vor den ewigen Gesetzen. Sie ist das Bewußtsein, köstliches und heiliges Gefäß zu sein, an dem sich das Wunder des Seins vollzieht. Es wird dem Kinde immer mehr ein Glück werden, Träger unbegreiflich hoherGewalten zu sein, sich der göttlichen Fülle des Daseins hinhalten zu dürfen. Die Atmosphäre, in der das Kind lebt, wird religiös sein. Es ist ohne weiteres klar, daß tägliche, stündliche, Verständnis - und taktvollste Überwachung Vorbedingung für diesen Erziehungsweg ist, denn es ist sicher, daß man damit die wertvollsten, aber auch die gefährlichsten Seelenkräfte entbindet, und daß das Kind ihn deshalb nur an der Hand der Eltern gehen kann. In diesem Zusammenhange wird vielleicht der unersetzliche Wert des traditionell geführten jüdischen Hauses von einer neuen Seite erkennbar: der in alle Weiten und Tiefen drängende Geist des Judentums findet in Gesetzen und Symbolen, in Gebräuchen und Formen den Schutz und das Heimatgefühl, ohne die er sich leicht verloren glauben könnte. Deshalb mußte gerade das jüdische Volk diese bis in die kleinste Alltäglichkeit sich auswirkende Daseinsverankerung schaffen, weil seine ins Absolute strebende Sehnsucht mehr als irgendein anderes Volk des sich unveränderlich gleichbleibenden Milieus bedurfte. Wenn so versucht wurde, systematisch und mit immer sorgsamer Wachsamkeit das Kind zum ,,Schauen", zum „Staunen", zum ,,Horchen" auf die Wunder des Daseins zu führen, wenn so das Unendliche, das Wesen, tagtäglich von dem Kinde neu erlebt wurde, dann kann man vielleicht mit einiger Beruhigung dem Zeitpunkte entgegensehen, der die schwerste Belastungsprobe für das religiöse Gefühl ist: der Zeit der Zweifel. Man muß von 102