Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Über religiöse Erziehung
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 101 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Über religiöse Erziehung geschaffen haben. Man muß es sich klar machen, daß jede Religionsform, auch die jüdische Lehre in ihrer Erhabenheit und Heiligkeit, doch nur ein Sekundäres ist gegenüber dem religiösen Urerlebnis, das ihr zugrunde liegt, daß sie nur eine Formulierung, eine Kristallisierung, ein Ausgedrücktes jenes Erlebens ist. Das Bewußtsein für diese Zusammenhänge scheint abhanden gekommen. Der Gottes begriff und das Göttliche an sich sind miteinander verwechselt worden. Das hatte die verheerende Wirkung, daß das Wissen um das Göttliche abhängig gemacht wurde von dem Schicksal des Gottes begriffs, der von Menschen geformt und also in der Dauer seiner Geltung menschlich begrenzt ist. Da man die Formulierung mit dem Wesen identifizierte, wurde dieses selbst in dem Augenblicke als abgetan betrachtet, in dem jene sich nicht mehr als unangreifbar erwies. Man beging also den fundamentalen Irrtum, das Ewig-Gültige mit dem Zeitgebundenen gleichzusetzen — und dadurch gefährdete man die tiefste und umfassendste Möglichkeit menschlichen Erlebens: das Wissen um Gott. Wenn man religiöse Erziehung anstrebt, so ist deshalb die erste und grundlegende Forderung, daß Wesen und Begriff, daß das Göttliche und die Vorstellung von Gott, wieder rein dargestellt werden: das Göttliche als der unverrückbare Punkt, das Ewige, Unwandelbare — der Gottesbegriff (die religiöse Vorstellung) als der Weg, das Suchen, das Streben zu ihm hin. Die erste Aufgabe ist es deshalb, erst einmal die religiöse Erlebnisfähigkeit im Kinde zu erwecken. Sie ist in jedem normalen Kinde vorhanden und gewiß ist sie es in. jedem jüdischen Kinde, dem der Drang nach Erkenntnis und die Sehnsucht nach Vollkommenheit als kostbarstes Stammeserbteil eignen. Diese Eigenschaften, die die Prämissen für religiöses Erleben überhaupt sind, sorgsam zu pflegen, muß die erste Sorge religiöser Erziehung sein. Schon das kleine Kind muß man zu den Wundern der Welt hinlenken und es sie selbst entdecken lassen, und zwar muß der Erkenntnistrieb völlig uneingeschränkt von jedem wie auch immer gearteten Autoritätsgefühl sich befriedigen dürfen. Man muß sich auch wohl hüten, flach-rationalistische Aufklärungen zu geben, sondern man muß immer wieder das Kind zu jenem Kern vorstoßen lassen, der allem Verstände unauflösbar erscheint, und in dem sich uns das Göttliche enthüllt. Vielleicht können einige aufs Geratewohl herausgegriffene, alltägliche Beispiele diesen Gedanken veranschaulichen: Das Kind pflückt eine Blume. Es freut sich über Farbe und Duft, es zerzupft die Blume, staunt über Bau, Wachstum usw., und allmählich läßt man es zu der 101