Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Das jüdische Schulwesen in Litauen
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 97 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101217-3110232--7903-3110357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das jüdisch© Schulwesen in, Litauen Diese Problematik wird vereinfacht und verflacht, wenn sie zu einem bloßen Sprachproblem herabgedrückt wird. In der jüdischen Volksschule müßten, wenn sie ihrer Aufgabe gerecht werden soll, mindestens drei Sprachen berücksichtigt werden: die Muttersprache der Kinder (jiddisch), die Staatssprache (das Litauische), und endlich das Hebräische. Dazu kommen noch die profanen und die jüdischen Fächer. Ein jüdisches Kind hat doppelt soviel zu bewältigen, wie ein nicht jüdisches im gleichen Zeitabschnitt. Theoretisch eine unlösbare Aufgabe, praktisch aber lösbar, weil man dem jüdischen Kinde erfahrungsgemäß auch viel mehr zumuten kann. Übrigens ist die jüdische Schule praktisch eine sechsjährige gegenüber der vierjährigen allgemeinen. Viel komplizierter ist das religiöse Problem: die Lehrer, meist junge Leute, sind nicht religiös, die Eltern dagegen sind meist orthodox und möchten im gleichen Geiste auch ihre Kinder erzogen sehen. Hier fängt der Konflikt an. Die Frage ist aber tiefer und folgendermaßen zu formulieren: Ist eine jüdische Erziehung ohne religiöse Durchdringung möglich? Die Zeit des Kulturkampfes ist freilich vorbei und es zeigen sich allmählich die Umrisse einer neuen Fragestellung. Daß auch die sogenannten orthodoxen Schulen mehr formal-konfessionell als innig-religiös sind, ist eine leider nicht zu bestreitende Tatsache. III. Das höhere Schulwesen In Litauen bestehen heute 11 jüdische Mittelschulen und 13 Gymnasien mit ca. 200 Lehrern (darunter rund 180 in den hebräischen) und mit ca. 4500 Schülern. Die Zahl der jüdischen Schüler, die nichtjüdische Mittelschulen besuchen, beträgt 98, die in höheren Lehranstalten 858, davon in litauischen 117, polnischen 1, deutschen 77 und in russischen 663. Die Schülerzahl der hebräischen Gymnasien ist im Abnehmen begriffen, was auf die schwere wirtschaftliche Krisis zurückzuführen ist. Viele Eltern sind nicht imstande, das Schulgeld zu zahlen und nehmen ihre Kinder ganz aus der Schule oder schicken sie in die litauischen Regierungsgymnasien, wo das Schulgeld nur $ 10 jährlich beträgt. Im Vergleich zum Volksschulwesen hat das höhere Schulwesen eine weit glücklichereEntwicklung genommen. Einerseits ist hier die Sprachenfrage kein solcher Stein des Anstoßes wie in der Volksschule (von den 11 Mittelschulen haben 8 hebräische Unterrichtssprache, von den Gymnasien alle bis auf Wilkomir). Ferner ist auch die wirtschaftliche Lage der höheren Schule eine bessere und ermöglichte die Anstellung von hochqualifizierten Lehrkräften. Die litauischen Juden sind stolz auf 7 Der Jude IX, Sonderheft II. 97