Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Das hebräische Schulwerk in Palästina
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 66 (sequence 4)
- Language
- German
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Fritz Loewenstein der Bedeutung das Milieu für jede Erziehung ist, noch braucht man zu erklären, daß etwa das Milieu in Rischon le Zion sich von dem in En Charod grundlegend unterscheidet und ebenso etwa der Tel - Aviver Gymnasiast in einer ganz anderen Atmosphäre aufwächst als der Jerusalemer. Der wichtigste Faktor neben und wahrscheinlich vor der Schule aber ist das Elternhaus und hier eben ragt das Galuth noch in das palästinensische Leben hinein, auch da, wo das Elternhaus rein hebräisch ist. Vor allem ist ja das Leben jener 150 000 Juden, die die heutige jüdische Volksgemeinschaft in Palästina ausmachen, noch nicht das einer normalen Volksgemeinschaft. Aber neben diese negativen Faktoren treten doch schon heute bemerkenswerte positive Momente. Vor allem die Sprache. Schon an dieser Stelle sei betont, daß es kein reiner und rücksichtsloser hebraisiertes Milieu gibt, als Lehrer und Schüler in Palästina, und daß damit ein wichtiger normalisierender Faktor in Erscheinung tritt. Das zweite ist das Land. Es ist noch nicht das Land der nationalen Heimstätte, nicht Judenstaat und nicht jüdische Mehrheit, aber es ist das Land, das Erez Israel heißt und bei dem man von Jahr zu Jahr die Berechtigung dieses Namens mehr und mehr empfindet. Die Liebe zum eigenen Lande, das Gefühl, einer Gemeinschaft aufbauender Menschen anzugehören, ist ein positiver erzieherischer Faktor ersten Ranges. Freilich entwickelt sich leicht unter dem Einfluß dieser positiven Faktoren eine Gesinnung der palästinensischen Jugend, die schon manchen bedenklich gestimmt hat. Es gibt Menschen in den Schulen, die gewissermaßen empfinden, daß sie am Ende einer Entwicklung stehen: sie sprechen hebräisch, sie leben in Erez Israel, und das war doch das Ziel der ganzen Palästinabewegung; was haben sie noch für Aufgaben zu erfüllen? Es entsteht eine Atmosphäre von Ideallosigkeit und Hausbackenheit. Man blickt nicht etwa, wie so oft befürchtet wird, sehnsüchtig über die Grenzen Palästinas zu den Verlockungen Europas, sondern sucht sich ruhig den Platz in Palästina, wo man dereinst arbeiten will, nüchtern und ohne hochfliegende idealistische Pläne. Man empfindet hier manchmal, daß diese Generation zu früh, zu gründlich normalisiert wurde, daß sie quietistisch einen Zustand bejaht, der doch nur als ein Anfang angesehen werden darf. Die Begrenztheit des Gesichtskreisesr die mangelnde Verbindung mit der großen zionistischen Bewegung des Galuth wirken in derselben Richtung. Man weiß kaum von der Lage der jüdischen Massen Europas, von der Judenfrage in allen ihren Aspekten, man sieht nur den Einwanderer, der sich in das neue palästinensische Leben einzuordnen hat, und fühlt 66