Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Jugendnot in Palästina
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 61 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Jugendnot in Palästina gäbe. Das bedingt nicht etwa einen einseitigen Typus. Es gibt jene, denen eine fortreißende oder beispielwirkende Kraft natürlich innewohnt, und jene, deren Stärke ihr Verständnis des Kindes ist: ein Erzieher formt das Kind, auch ohne es zu wollen, nach seinem Bilde, ein anderer kann ihm helfen, den Weg zu sich selbst zu finden; der wissende Typus steht neben dem naiven, der eine kann nicht leben und atmen außer im Kreise der Jugend, der andere braucht ein persönliches Eigenleben im Kreise Erwachsener, um der Jugend fortzeugend geben zu können — für alle diese muß Platz vorhanden sein. Und selbst der, der gerade in der bisherigen Arbeit an rein geistigen Werten sein Bestes gab, darf nicht ausgeschaltet werden, nicht nur, weil noch viel vom Typus der alten Schule erhalten bleibt, sondern weil auch die neue seiner bedarf. Nur die Stumpfheit und wer ihr verfallen ist, sollte ein für allemal aus dem Jugendbereich verbannt sein. Eine so erzogene Volksschuljugend steht irgendwie auf dem Boden des werdenden Palästina. Schwerer ist es, sie weiterzuführen. Ihre Ausbildung darf mit vierzehn Jahren nicht abgeschlossen sein. Das Problem der weiteren Erziehung bleibt im Grunde dasselbe: das Neben- und Ineinander der beruflichen und geistigen Ausbildung. Zunächst werden wohl viele weiter zu einem Handwerker in die Lehre gehen, und es sind nicht nur mit allem Nachdruck Jugendschutzgesetze zu verlangen, wie sie die Regierung erst kürzlich wieder versprochen hat, sondern auch eine erhebliche Beteiligung des Staats und der Gemeinden an den Kosten von Nachmittags- und Abendkursen für die arbeitende Jugend. Auch die Handwerkerkooperativen werden wie bisher Lehrlinge aufnehmen und ihnen schon jetzt menschenwürdigere Bedingungen schaffen, als es der einfache Handwerker für nötig hält. Aber diese ganze Hand wer kslehre ist doch nur ein Surrogat für die zu erstrebende erste Ausbildung in Handwerksschulen, wie es sie sonst in der Welt gibt und wie sie der „ORT" überall im jüdischen Osteuropa gründet, aber nicht in Palästina. Ich verrate vielleicht eine naive Unkenntnis der inneren jüdischen Politik, wenn ich gestehe, es nicht zu begreifen, daß man den „ORT" noch nicht zur Gründung einer solchen Schule hier veranlaßt hat. Er mag noch so jiddischistisch-golusmäßig gerichtet sein —• es gibt von dieser seiner Einstellung in Litauen ergötzliche Proben — aber in seinen leitenden Stellen sind doch auch überzeugte Zionisten tätig, und eines ihrer wichtigsten Ziele sollte die Gründung von Handwerkerschulen, sowie von Hauswirtschaftsschulen oder -kursen für Mädchen in den sechs jüdischen Städten Palästinas sein. Da der „ORT" gewohnt ist, die Leitung örtlichen Behörden 61