Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Jugendnot in Palästina
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 59 (sequence 10)
- Language
- German
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Jugendnot in Palästina Zunächst durch die Umformung der allgemeinen Volksschule auf dem Wege, der von jüngeren Lehrern schon beschritten wird. Es gilt, aus der Lernschule mit Hilfe der Arbeit und neuer Lehrmethoden eine Schule der Charakter-und Urteilsbildung zu machen, wie es, soweit ich orientiert bin und aus Einzelfällen schließen darf, am besten der amerikanischen Volksschule gelungen ist. Das ist freilich leichter gesagt als getan. Nur unermüdliche Versuche, nicht ohne Fehlschritte, können uns zum Ziele führen. Eine Schwierigkeit gibt es, die unüberwindbar scheint. Wie sollen wir die Kinder zum selbständigen Lesen von geschichtlichen, geographischen, naturwissenschaftlichen, weltanschauungsmäßigen Büchern erziehen, solange unsere Literatur noch so arm ist? Wir werden viele Methoden nicht übernehmen können. Unsere jüngeren, wagemutigen Lehrer werden uns unsere Methode suchen müssen. Mit einem Male sind die Schwierigkeiten nicht zu überwinden. Aber die Organisation der heutigen Schule reicht nicht aus, um unser Ziel zu erreichen. Es liegt uns ob, Galuthjuden zu Bürgern des künftigen Palästina umzuformen. Das kann die Schule nicht. Die Arbeitsteilung als ökonomisches Prinzip hat auf dem Gebiet der Schule, wie überall neben ihrem augenscheinlichen Nutzen auch unermeßlichen Schaden gestiftet, die Ganzheit der Persönlichkeit gebrochen, und indem sie den Lehrer auf sein kleines Reich beschränkte, aus der Schule eine Dressuranstalt des Geistes gemacht, so daß nicht sie, sondern Elternhaus und Straße das Kind erzogen. Denn wenn auch einzelne Fächer, richtig betrieben, auch in der Schule erzieherischen Wert haben, recht erzieht nur das Leben, und der Erzieher, der mit dem Kinde lebt. Darum müssen die Mittel aufgebracht werden, um Halbheime, wie eines oben als Schule der Arbeiterkinder genannt wurde und wie es solche auch sonst in Palästina gibt, gründen zu können. Sie können in oder bei der Stadt, und selbst im Dorfe, ihren Zweck erfüllen. Bedeutsamer und eigentlich erst entscheidend wäre die Gründung von Landerziehungsheimen. Eine großzügige Schulpolitik müßte auf die Aufbringung der Mittel zu solchen Heimen gerichtet sein, sie wäre berechtigt, die Gesamtbevölkerung zu deren Gunsten zu besteuern, da es sich ja um ihre Erneuerung und Gesundung handelt, und müßte im Galuth Menschen für diese Aufgabe, unsere erste erzieherische Aufgabe, zu gewinnen suchen. Aber auch ohne allzu große Geldmittel ist es möglich, solche Heime für den mittleren und kleinen Bürgerstand, dessen Kinder die sittlich gefährdetsten sind, zu schaffen. Der ländwirtschaftliche Leiter des einen jener erwähnten Landwaisenheime ist überzeugt, in seinem Heime 59