Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Von der Straßenhorde
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 34 (sequence 13)
- Language
- German
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Siegfried Lehmann Es folgte eine Periode, die in der Art des Zusammenlebens und in der erwachenden Liebe zur Natur auf den Wanderungen, viel gemeinsames mit der bürgerlichen Jugendbewegung aufwies, wie sie uns in Deutschland entgegentritt. Diese Periode währte nicht lange; nach einem halben Jahr war auch diese Gruppenbildung zerfallen. Auch diese Gruppe mußte das Schicksal all der Gruppen teilen, die aus der Jugendbewegung hervorgegangen sind und den jugendlichen Eros als wichtigsten Bindungsfaktor besaßen. Nur hatte es den Anschein, als ob die proletarische Jugend schneller dieses Stadium überwunden hatte als die bürgerliche Jugend es zu überwinden pflegt. Hier war es nur wie ein kurzer Rausch, der nur einige Monate währte. Die Ausschaltung der Realität — charakteristisch für die Gruppenbildung in der bürgerlichen Jugendbewegung — konnte bei dieser Jugend, die viel zu früh in den Existenzkampf hineingestellt war, keinen Bestand haben. Ein idyllisches, auf Freundschaft aufgebautes Gemeinschaftsleben und Romantik, die immer eine Flucht vor der Realität ist und deswegen in den Entwicklungsjahren der bürgerlichen Jugend eine so überragende Rolle spielt, mußten der jüdisch-proletarischen Jugend fernliegen, wie noch an verschiedenen anderen Beispielen gezeigt werden kann. Diese Gemeinschaft war also zum Untergang verurteilt. Eine echte Gemeinschaft —keine oberflächliche Bindung durch gemeinsame Not der Entwicklungsjahre und gemeinsame Flucht —, sondern eine von wirklichem lebendigem Leben durchpulste Gemeinschaft, konnte unter der Kinderhausjugend erst in dem Augenblick entstehen, wo die Form der Gemeinschaft einen Inhalt bekam, wo eine gemeinsame in der Realität fest verwurzelte Idee sich mit dem jugendlichen Eros verbinden konnte. Und damit wenden wir uns jetzt dem letzten Entwicklungsstadium der Kinderhausgemeinschaft zu. IV. Zwei Grundideen hatten sich im Laufe der Zeit im Zusammenleben der Jugend herauszukristallisieren begonnen. Zur ,Wandergruppe" schloß sich die Jugend zusammen, die früher in der Parteiarbeit ihr Ziel sah, sich aber später, nach dem oben beschriebenen Erlebnis der Enttäuschung, immer mehr dem Ideal der Volks - arbeit im Golus zuwandte. Die Ideale, die hier vorherrschen, sind durch die Neigung zu folgenden Berufen gekennzeichnet: Volksschullehrer, Arbeiter, die an der Organisation an Arbeit erbildu ngsanstalten teilnehmen, Schwestern u. a. (Bondy hält die Wendung zu pädagogischen Berufen für ein charakteristisches Zeichen der aus der bürgerlichen Jugendbewegung hervorkommenden Jugend. 34