Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Von der Straßenhorde
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 33 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Von der Straßenhorde zur Gemeinschaft war, organisiert für ganz bestimmte Aufgaben. — Enttäuscht zog man sich zurück. Und damit stand die Kinderhausjugend vor einer offensichtlichen Krisis des Gemeinschaftslebens. Die eigne Gruppe, d. h. die „Kollektive", war in dem Augenblick zerfallen, als sie als Kampfgruppe gegen das Kinderhaus keine Existenzberechtigung mehr hatte; die Partei hatte enttäuscht, und in kurzer Zeit waren alle die negativen Erscheinungen einer in Auflösung begriffenen Gesellschaft im Kinderhaus sichtbar III. Aber inzwischen waren Keime neuer Gruppenbildung sichtbar geworden. Auf den Wanderungen hatte eine Anzahl Jungen und Mädchen in der Nähe der Stadt ein Häuschen entdeckt, das leer stand und nicht fertig gebaut war. Sie ruhten nicht eher, als bis die Verwaltung des Kinderhauses die Zustimmung gab, bei der Verwirklichung ihres Planes zu helfen und dieses Häuschen der Kollektive zur Gründung einer kleinen, neuen Hausgemeinschaft einzuräumen. Das neue Haus lag am anderen Ufer des Njemen, und das Baumaterial mußte mit Kähnen vom Kinderhaus dorthin gefahren werden. Trotzdem man am Tage in den Werkstätten arbeitete und schon müde nach Hause kam, begann nach der Arbeit am Abend erst das eigentliche Leben. Auch die jüngeren Kinder aus den Schulgruppen wurden in die begeisterte Stimmung hineingezogen, hunderte von Ziegeln und Brettern wurden verladen und nach dem Bauplatz hinübergefahren. Nach wochenlanger Arbeit waren auch die Möbel von den Jugendlichen selbst fertiggestellt und der Tag der Einweihung war gekommen. Eine Gruppe von Mitgliedern fügte sich hier zu einer Gemeinschaft zusammen, nachdem die Auswahl, wer zu einem solchen Gemeinschaftsleben fähig sei, mehrere Wochen in Anspruch genommen hatte. Jeder fühlte, daß sich jetzt eine neue Periode in der Entwicklung des Kinderhauses vorbereite,. Man begann jetzt zum ersten Male langsam die Schönheit eines Zusammenlebens zu spüren, das nicht seinen Sinn durch gemeinsamen Kampf und gemeinsamen Haß bekam, sondern in der warmen Beziehung von Mensch zu Mensch, im jugendlichen Eros begründet war. Daß die Triebkräfte, welche der ganzen Gruppe eine bis dahin noch nicht gekannteSteigerung des Lebensgefühls gebracht hatten, erotischer Natur waren, war schon an der Auswahl der aufgenommenen Mitglieder zu erkennen, die unter dem Stichwort „Fähigkeit zum Leben in einer Gemeinschaft" durchgeführt wurde, aber in Wirklichkeit sehr stark, aber nicht bewußt, von der erotischen Anziehungskraft der Einzelnen beeinflußt war. 3 Der Jude, IX, Sonderheft II. 33