Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Von der Straßenhorde
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 32 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Lehmann einen öffentlichen Bericht über ihre Tätigkeit abgab. U. a. veröffentlichte sie eine Statistik,die beweisen sollte, daß die hebräischen Bücher nicht richtig zu Ende gelesen worden waren. Zwar seien die hebräischen Bücher an Leser ausgegeben worden, aber man habe durch genaue Untersuchung der Bücher, jedesmal nach Rückgabe eines Buches, an verschiedenen Symptomen festgestellt, daß sie wohl ausgeliehen, aber nicht ausgelesen worden seien. Es wurde also der Antrag gestellt, keine weiteren hebräischen Bücher mehr in die Bibliothek einzustellen, wofür zwei Gesichtspunkte maßgebend waren: hebräisch als alte Sprache der alten Religion ist ebenso zu bekämpfen wie hebräisch als Sprache der zionistischen Bewegung. In beiden Fällen gilt der Kampf einem „Erzeugnis der Bourgeosie4 4, was genügte, um die hebräische Sprache zum Objekte ihres jugendlichen Hasses zu machen. Alle diese oben zum Ausdruck gebrachten Anschauungen waren Gemeingut der jüdischen Arbeiter, die in der radikalen Arbeiterbewegung standen, arbeiteten, und so war es verständlich, mit welchen Erwartungen die Jugend ihren Eintritt in die Jugendgruppe der Partei erwartete. Die Aufgabe war groß: War es doch schon viel, als der einzelne Gassenjunge auf seinen Kampf gegen den Genossen verzichtete und sich dabei manchen persönlichen Vorteil entgehen ließ, als man die „Kollektive" gründete und der materielle Nutzen für die ganze große Gruppe wichtiger genommen wurde als der Nutzen der einzelnen. Jetzt war der nächste Schritt: die Partei; heute erst die Partei aller unterdrückten Arbeiter in Litauen, aber nach Proklamation der Weltrevolution die Partei aller Arbeiter der Welt! Trat früher der Einzelne zurück zu Gunsten der höheren Einheit, der Gruppe, so sollte jetzt die Gruppe zurücktreten zu Gunsten der höheren Einheit, der Partei. Die Worte, die jetzt ständig im Munde aller waren, waren „ökonomische Bedingungen", „materialistische Geschichtsauffassung", „Darwinismus" usw. Wir waren zu stark von der natürlichen Gegnerschaft überzeugt, die zwischen Jugend und Parteileben herrscht, um diese Entwicklung mit Besorgnis anzusehen. Die Begeisterung für die Partei konnte nur so lange dauern, bis die alten Haßaffekte abreagiert waren, die Erinnerungen an die Not der Jugendjahre schwächer wurden, und die Bindungen an die Erzieher einen gewissenStärkegrad erreicht habenwürden. DasLeben in der Partei widersprach dem Wesen der Jugend aus verschiedenen Gründen: Die Jugend fand hier nicht das, wonach jede Jugend mit besonderer Sehnsucht verlangt, eine Gemeinschaft. Sie brachte die Vorstellung mit, daß die Partei eine Gemeinschaft sei, und mußte nun erkennen, daß sie eine Zweckorganisation 32