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Der Jude · 1925-01-01 · 2 (1926) Sonderheft Erziehung · p. 30

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
2 (1926) Sonderheft Erziehung
Article
Von der Straßenhorde
Date
1925-01-01
Page
30 (sequence 9)
Language
German
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Siegfried Lehmann einerseits und der sehr guten Menschenkenntnis dieser Jugend anderseits nur durch Aufdeckung tieferer seelischer Schichten verstanden werden. — Dieser Haß, als Resultat immer wieder aufbrechender Wunden, verstärkt durch die negative Einstellung, die jede Jugend der fertigen als Autorität sich gebenden Umwelt entgegenbringt, und für welche die Psychoanalyse gewisse Erklärungen gibt, hatte kein feststehendes Objekt als Ziel. Erhielt in der ersten Zeit dieser Affekt seine Befriedigung durch den haßerfüllten Kampf der Jugendlichen gegen die Angestellten des Kinderhauses, löste sich in einem späteren Stadium dieser Haß von einzelnen Personen — bis auf kleine Reste — los und wandte sich allen Erscheinungen zu, die eine Beziehung zur herrschenden Klasse hatten, wobei die Jugendlichen ebenso wie viele Erwachsene blind waren für die entscheidende Frage, welche Erscheinungen solche der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, und welche allgemein menschlicher Natur waren. So galt der erste und erbittertste Kampf der Religion: Gott war der große Bourgeois, der Kaiser der Welt, den die Bourgeoisie auf den Thron erhoben hatte, um in ihm eine Hilfe für die Ausbeutung der Arbeitermassen zu haben. Und da die Jugendlichen meist in ihrer frühen Kindheit in den Cheder gegangen waren, einige sogar in die Jeschiwa, und aus Familien kamen, die — manchmal trotz ihrer Verwahrlosung — die alten festen Begriffe jüdischer Religion den Kindern übermittelt hatten, traf das neue Schlagwort: Kampf der Religion, auf alte sehr fest verwurzelte Schichten. Wie laut mußte man schreien, wieviel unsinnige Taten mußte man tun, wieviel Nächte mußte man im Schlafsaal diskutieren, um endlich diese tausendjährige Stimme zum Schweigen bringen zu können. Es gehörte ein gewisser Opfermut dazu, um Pfennig auf Pfennig zu sparen, um am Schabbat Zigaretten verteilen zu können, die dann mit dem Bewußtsein öffentlich geraucht wurden, „das Proletariat wieder ein Stückchen näher dem Lichte der Aufklärung gebracht zu haben/' Die Gottlosigkeit wurde zur neuen Religion, in welche die Jugend viele der Eigenschaften hinüberrettete, deren Erfüllung wir in der Religion suchen; nur waren diese jetzt mit einem negativen Vorzeichen versehen. Leider rüstete man sich auch, diese neue Religion den jüngeren Kindern im Kinderheim zu vermitteln. Wir sahen sehr wohl, wie durch diese Propaganda manches Zarte und Keimende in den jüngeren Kindern zerstört zu werden drohte, aber ein Verbot der Verwaltung hätte die Propagandisten in die Rolle der Märtyrer versetzt, was die Verbreitung ihrer Ideen unter der Jugend nur beschleunigt hatte. Manchmal fragten uns jüngere Kinder: „Schimke sagt, es gibt keinen Gott. Ist das wahr?" und wir 30

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