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Der Jude · 1925-01-01 · 2 (1926) Sonderheft Erziehung · p. 28

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
2 (1926) Sonderheft Erziehung
Article
Von der Straßenhorde
Date
1925-01-01
Page
28 (sequence 7)
Language
German
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Siegfried Lehmann einander nahegebracht, als daß sie imstande gewesen wären, objektiv, nur vom pädagogischen Nutzen ausgehend, die Lage zu betrachten. Die Folge davon war, daß Elemente im Kinderhaus länger blieben, als eigentlich für die pädagogische Entwicklung gut gewesen wäre; das war ohne Zweifel der Nachteil, der durch Übergabe aller Rechte an die Jugend sich bemerkbar machen mußte. Betrachten wir aber jetzt, nach fünf Jahren, diese Fragen, so kommen wir zu dem Ergebnis, daß wir damals richtig gehandelt hatten. Denn schon lange ist von diesen Elementen keiner mehr im Kinderhaus; und wenn einer von diesen geblieben ist, hat die Gemeinschaft so auf ihn gewirkt, daß er jetzt nicht mehr als störendes Glied betrachtet werden kann. Gewiß wäre uns manches erspart geblieben, wenn wir den Ausschluß der schlimmsten Elemente von oben herab beschlossen und durchgeführt hätten. Damals hätte aber die Jugend diese Maßnahme nicht verstanden, und die sich ganz langsam bildenden zarten Keime der Liebe und des aufsteigenden Vertrauens uns Erziehern gegenüber hätten diese Belastung nicht ertragen. Wir hatten es stets vermieden, mit Gewalt etwas innerhalb kurzer Zeit zu erreichen, was in doppelt, ja sogar dreifach so langer Zeit von den Jugendlichen selbst erfahren und verwirklicht werden konnte. Die Anwendung dieses Prinzips erforderte allerdings von allen Erwachsenen, die in Verbindung mit dem Kinderhaus standen, ein besonderes Maß von Geduld. Das Kinderhaus hatte den Vorteil, daß es abseits von der Stadt lag, und daß nur selten sich Besucher in unser Haus verirrten. So konnte etwas organisch reifen, was unter den Augen einer in Vorurteilen befangenen Gesellschaft nicht hätte ausreifen können. Denn es war kein Zweifel: in der ersten Zeit der Übernahme durch die Jugend waren die Zimmer, deren Säuberung die Jugend übernommen hatte, schmutzig, die Hemden waren zerrissen, und der Ton, in dem man die Versammlungen führte, war der in Wahlversammlungen übliche und üble Ton der Erwachsenen. Wras hätte man von einer Jugend, die ihr Leben z. T. in den schmutzigsten Orten zugebracht hatte, auch anders erwarten können. Es kam hinzu, daß wir wohl Sauberkeit und Ordnung als wichtige Produkte menschlicher Erziehung ansahen, aber wir waren weit entfernt davon, mit diesen Fähigkeiten den gleichen Götzendienst zu treiben wie er in Westeuropa gebräuchlich ist. Die Erscheinung des Juden aus den Volksmassen, dessen Kleidung unrein und dessen Wohnung zuweilen maßlos schmutzig, dessen Seele aber von einer leidenschaftlichen Reinheit und Größe ist, wie wir sie in Westeuropa selten antreffen, war uns zu gut bekannt, um aus westeuropäischer Sauberkeit einen Fetisch zu 28

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