Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Von der Straßenhorde
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 26 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Lehmann Diskussionen: die materielle Selbständigkeit der „Kollektive", und dieses Ziel suchte man auf den seltsamsten Wegen zu erreichen. Mit der Übernahme vieler Arbeiten im Hause durch die Jugend selbst, wurden Arbeitskräfte frei, die bezahlt wurden, z. B. Dienstmädchen, Köchinnen, Hofarbeiter, Bauarbeiter usw. Jetzt verlangte die Verwaltung der Kollektive, daß das Geld, welches das ,,Kinderhaus" dadurch erspart hatte, daß die Jugendlichen selbst die Arbeiten verrichteten, den Jugendlichen ausgezahlt werden müsse. Der einzelne sollte das von ihm erarbeitete Geld dann in die Gemeinschaftskasse der Kollektive einzahlen, welche ihrerseits dem Kinderhaus für das Essen zahlen sollte. Wir sahen durchaus die Schattenseiten, als wir auf das von der Jugend vorgeschlagene System eingingen. Einerseits war die Tatsache, daß man eine bestimmte Arbeit leistete und für diese einen entsprechenden Lohn bekam, mit welchem das Essen im Kinderhaus bezahlt werden sollte, sehr dazu angetan, das Selbstgefühl dieser durch langes Schnorren und durch eine schlechte Philantropie verdorbenen Kinder wesentlich zu erhöhen. Anderseits übersahen wir den Umstand nicht, daß dann mit jeder Arbeit zum Nutzen der Gemeinschalt der Gedanke des Geldverdienens verbunden war — wenn auch nicht für den Arbeitenden allein, sondern für die Kollektive. — Dennoch gingen wir auf den Vorschlag der Jugend ein. Die Folge war, daß man sich zur Arbeit drängte wie nie zuvor; das Holzhacken, Fuhrenfahren für den Bau, Bauarbeiten im Haus, Ziegeltragen, auch die unangenehmsten Arbeiten wurden mit Begeisterung von der Jugend ausgeführt, und oft bis spät in den Abend hinein sah man die Jungen und Mädchen auf dem Hofe arbeiten; es war nötig, ein besonderes Verbot für Nachtarbeit zu erlassen. Allerdings fehlte dieser heroischen Arbeitsbegeisterung auch nicht die komische Seite. Bat eine Erzieherin, beim Heruntertragen eines Wassereimers behilflich zu sein, so konnte man sicher sein, daß am nächsten Tage eine Rechnung dem Bureau vorgelegt werden würde. Das Selbstbewußtsein erreichte seinen Höhepunkt in einem Briefe an die Verwaltung, in der die Jugendkollektive den Beschluß mitteilte, eines ihrer Mitglieder „auf eigene Kosten" ins Gymnasium zu schicken. Nicht mehr dankbar sein zu müssen, um desto ungehemmter hassen zu können! Nicht mehr geschenktes Brot essen!! Ein freier Mensch sein, ein Arbeiter, nicht schlechter als alle die Millionen Arbeiter, die ihr Brot in Fabriken oder sonstwo verdienen! Es ist schwer zu beschreiben, wieviel Freude, wieviel stolzes Glücksgefühl in dieser Periode erlebt wurden,trotz der offensichtlichen Lächerlichkeit dieser ganzen 26