Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Von der Straßenhorde
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 24 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Lehmann mit den pädagogischen Ideen des Hauses verbunden, worüber an anderer Stelle noch zu berichten sein wird. Die ersten Kinder kamen zu uns, als die im Kriege evakuierte jüdische Bevölkerung nach Litauen, ihrer früheren Heimatsprovinz, zurückzuströmen begann. Eigentlich waren die Kinderküche und die Kleiderausgabestelle des Kinderhauses nur für Waisen bestimmt, aber dennoch sammelten sich hier etwa 300 Kinder und Jugendliche an, die zum Teil ohne Eltern waren, oder deren Eltern sich in so schlechter wirtschaftlicher Lage befanden, daß sie als Ernährer und Erzieher ihrer Kinder nicht in Betracht kommen konnten. Es wird nun im nachfolgenden meine Aufgabe sein, zu beschreiben und die Gesetze zu verfolgen, nach denen diese Horde verwahrloster Straßenkinder, von denen ein Teil schon seit Jahren das Leben von Vagabunden führte, sich zu einer Gemeinschaft entwickelte, die heute schon an der Erziehung der jüngeren Generation im Kinderhaus führenden Anteil nimmt und die das Kinderhaus zu dem gemacht hat, was es heute ist: zu einem Zentrum jüdischer Jugendbewegung in Litauen. L Ein bekannter Kinderarzt behauptete einmal, daß es Säuglinge gibt, die nicht aus Mangel an Nahrung oder aus Mangel an fachmännischer Pflege sterben, sondern nur aus Mangel an Liebe. Ältere Kinder sterben nicht deshalb, weil ihnen das Kindheitserlebnis der Liebe fremd geblieben ist, sondern sie werden Psychopathen, oder nehmen als jugendliche Verbrecher Rache an der Gesellschaft für ihre liebeleere Kindheit. Es war also nicht verwunderlich, das diese von der Straße aufgegriffenen Kinder in der ersten Zeit den Erziehern oder sonstigen erwachsenen Personen mit ausgesprochenem Haß gegenüberstanden. Waren die Erzieher auch freundlich und anders als die Polizisten oder Portiers der Häuser oder die Angestellten der sozialen Bureaus, mit denen die Kinder bisher in unangenehme Berührung gekommen waren, war gerade hier doppelte Vorsicht geboten; denn diese Güte war sicherlich nichts anderes als eine Maske, die man im geeigneten Augenblick plötzlich fallen lassen würde, um sie desto sicherer zu fangen. Dieser unsicheren Lage ausgesetzt, galt es, sich zu verbünden, und den Kampf gegen das ,,Kinderhaus" gemeinsam zu führen. Durch allgemeine Wahlen wurde ein Ausschuß gewählt, welcher alle Verhandlungen mit der Verwaltung des „Kinderhauses" führen sollte. Man forderte eine Vertretung in der Erzieherkonferenz, „um die anderen Kinder vor Ausbeutung zu 24