Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Von der Straßenhorde
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 23 (sequence 2)
- Language
- German
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Von der Straßenborde zur Gemeinschaft Eine Gruppe junger jüdischer Menschen, den bürgerlichen Kreisen entstammend, hatte damals in sehr kleinem Umfange den Versuch gemacht, den „Weg ins Volk" zurückzufinden; sie wollten sich losreißen von der freudlosen Isoliertheit, die das bürgerliche Leben abseits vom Volke mit sich brachte, und, mit dem Volke lebend, wieder die beglückende Wärme einfacher Volksgemeinschaft spüren. — Volk sollte nicht mehr Objekt sein, dessen Schicksal durch Intelligenz und Organisationstalent des Westjuden gelenkt werden sollte, sondern man begann ganz dunkel und unklar in der Masse des ostjüdischen Volkes wieder die große Urmutter zu spüren, der man sich mit Ehrfurcht zu nähern hat, in dem Glauben, daß der bürgerliche Mensch, dieser heute ruhelos entwurzelte, hier im Volke wieder Mutterboden und Verwurzelung finden könne. (Dieses Streben wird nur für denjenigen verständlich sein, der „Volk" in dem religiös betonten[Sinne Dostojewskys oder Tolstois zu betrachten vermag.) Ohne Zweifel hatte das Volksheim im Laufe der Jahre gute Volksarbeit geleistet. Aber das große Erlebnis, im engen Zusammenleben mit dem Volke wieder das Volk als Kraftquelle für das eigene Leben zu empfinden, blieb aus; mußte ausbleiben, weil die Teile des jüdischen Volkes, die ihre Heimat verlassen und sich in den europäischen Städten eine neue Existenz suchen, eben nicht mehr Volk sind. Es sind abgestorbene Teilchen, die ihre Nahrung nicht mehr vom Volkskörper empfangen und daher nicht geeignet sind, das große Erlebnis „Volk" den Suchenden zu vermitteln. Jetzt ist noch einmal der Versuch gemacht worden, in einem Zentrum ostjüdischen Volkstums, in Litauen, eine Art Settlement zu schaffen, und über diesen Versuch soll jetzt nach fünfjähriger Arbeit im nachfolgendem einiges berichtet werden. Dieses Haus führte seine Arbeit auf drei Gebieten: auf pädagogischem, medizinischem und sozialem Gebiet. Der pädagogischen Abteilung, welche für ca. 200 Kinder vom ersten Lebensmonat bis zum reiferen Jugendalter eingerichtet ist, ist eine Reihe der wichtigsten Werkstätten angegliedert, und ein kleinerer landwirtschaftlicher Betrieb. Im folgenden soll ein Kapitel aus der erzieherischen Tätigkeit des ,,Kinderhauses" behandelt werden und zwar das Kapitel, welches sich mit der Entwicklung der älteren Kinderhausgemeinschaft beschäftigt. Jedoch würde man den Sinn des Settlements nicht verstehen, wenn man diese drei Abteilungen als unabhängig voneinander betrachten würde. Die lebendige jüdische Volksarbeit, welche in der Arbeit in der Säuglingsfürsorgestelle, im sozialen Kinderschutzbureau und in der übrigen Außenarbeit des „Kinderhauses" zum Ausdruck kam, ist eng 23