Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Die Problematik der jüdischen Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 21 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Problematik der jüdischen Erziehung tums begründet und immer von neuem erschafft, trägt sie vor allem dazu bei, daß durch die gegenseitige Durchdringung der beiden Dimensionen ein Neues entstehe: die Zukunft des jüdischen Volkes. Es kann nur dann wahrhaft leben, wenn sein Alltag erfüllt und gestaltet wird von den zum Leben erwachenden Urmächten, die in den Schöpfungen einer scheinbar verlorenen Vorwelt schlummern und die zum Leben zu erwecken, zu erlösen unser Geschlecht berufen ist. War bis nun der jüdische Wert vom jüdischen Sein abgetrennt, so muß das Sein sich wieder mit dem Wert erfüllen. Die neschamah jetherah, die Feiertagsseele des Juden, muß den Alltag heiligen. Das wird, das kann die Sprache vollbringen, wenn sie mit all ihren ungeahnten Wundern neu ersteht. Die Aufgabe, die Sprache so zu erleben und andere sie so erleben zu lassen, ist unendlich schwer. In ihr liegt der Anfang der jüdischen Tat. Es gilt, den jüdischen Menschen, all jenen, die es ernst mit sich und mit ihrem Judentum meinen, zu zeigen, daß über die Sprache der Weg zur Erlösung führt. Sie allein kann uns die Einheit der Seele wiedergeben, sie uns befähigen, der fremden Umwelt — und auch in Palästina gibt es eine fremde Umwelt : die europäische Kultur der ganzen Welt — geeint, in unserer geistigen Existenz gefestigt gegenüber zu treten. Nicht durch äußere Formen, die wir abgestreift haben, können wir von nun ab verbunden sein; was uns nicht binden darf, kann uns nicht verbinden. (Gemeint ist hier das Volk als Ganzes; einzelne Gruppen, weite Kreise des Volkes anerkennen jene Formen; für diese bedeuten sie zweifellos einen Wert. Aber sie sind nicht der Wert, den das ganze Volk als solchen anerkennt. Ein solcher Wert kann nur ein Natürliches sein, das zugleich Geistiges im höchsten Sinne ist.) Es ist im engen Rahmen dieser Erörterung nicht möglich aufzuzeigen, wie jene Konflikte, von denen wir oben sprachen, sich lösen, jene Polaritäten durch höhere Synthesen überwunden werden. Es wird aber, meinen wir, deutlich, daß im Erleben der Sprache, das uns als Aufgabe fürs ganze Leben gesetzt ist, eine Aufgabe, die kein Ende hat, daß in solchem Erleben prinzipiell jene Überwindung beschlossen ist. Wenn wir in der Sprache und durch sie unser jüdisches Ich erfahren und erleben, dann sind wir gewiß, daß wir nicht der Umwelt wehrlos anheimfallen, von ihr nicht überwältigt werden können. Wir haben Maß und Sinn für das, was unserem Wesen entspricht, sei es als ein ihm Verwandtes oder als ein ihm Entgegengesetztes, das es ergänzt und steigert. Indem wir alles Fremde, das für uns einen Wert darstellt, in das Becken der hebräischen Sprache leiten, mehren wir ihre Macht 21