Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Die Problematik der jüdischen Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 20 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Viktor Kellner rung durch das, was seiner ewigen, unveränderlichen Wesenheit gemäß ist. So wird der Erzieher immer mächtiger durchdrungen von dem unbezwingbaren Gefühle der Einheit jüdischen Wesens, wie sie sich in allen Gestaltungen jüdischer Kultur vom Uranfang bis auf den heutigen Tag offenbart. Und so wie der Erzieher vom Erleben seines Ich den Weg in die Vergangenheit findet, in die objektiven Werte seines Volkes, so findet er ihn auch von diesem Punkte aus in die Gegenwart des Volkes, in die lebendige Volksgemeinschaft. In ihm wird neben dem Gefühl der Kulturzusammenhänge, der Kultureinheit des Judentums auch das Gefühl der Einheit des jüdischen Volkes lebendig. Seine Wesensart erkennt er als identisch mit der Art seiner Brüder und nur ein starkes Volks-Ich gibt ihm die Gewähr dafür, daß die objektiven Werte des Judentums erhalten bleiben und sich weiter entfalten. So ergibt sich für den Erzieher eine doppelte Aufgabe. Er hat dem zu Erziehenden das Gefühl von der Einheit in beiderlei Sinn zu vermitteln. Er hat ihn einerseits vertraut zu machen mit der jüdischen Wesenheit, so wie sie im Einzelindividuum Wesen und in den nationalen Besitztümern Gestalt angenommen hat; andererseits aber muß er ihn dazu führen, ein einheitliches jüdisches Volk zu erleben, es als Wirklichkeit zu erleben und als Aufgabe. Das Ziel, dem Volke äußerlich die Einheit zu geben, liegt für den Erzieher nicht in weiter Ferne. Er hat es immer von neuem, wenn auch im kleinen Kreis, zu verwirklichen, indem er eine lebensvolle Gemeinschaft aller derer schafft, die durch das zweifache Ideal, das im Grunde eines ist, zusammengehalten werden: das Ideal der Einheit und Unbedingtheit jüdischen Seins und das Ideal der Sicherheit jüdischer Volksexistenz. Beide sind miteinander unlöslich verbunden und letzten Endes nur durcheinander und miteinander zu verwirklichen. Als stärkster geistiger und zugleich sozialer Faktor der Erziehung erscheint die hebräische Sprache. Sie ist zu tiefst erlebt nicht Form, nicht Schale, sondern Inhalt, Kern. In ihr, die ihre Geschichte und die Geschichte ihres Volkes als geistiger Wesenheit weit sichtbarer und offenkundiger mit sich trägt als andere Sprachen, erlebt der Jude sich und alles, was das Volk in Jahrtausenden anWerten geschaffen hat. Sie allein kann den Zusammenmenhang zwischen den versprengten Gliedern des Volkes und damit die lebendige Volkseinheit begründen und für immer sichern. Indem sie so jene beiden großen Einheiten, die Einheit in der Zeit und mit ihr die Kontinuität jüdischer Geistesschöpfung, sowie die Einheit im Räume und mit ihr die Kontinuität jüdischen Volks- 20