Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Die Problematik der jüdischen Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 18 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Viktor Kellner damit ein soziales ist, nicht zu neuen, die Welt revolutionierenden sozialen Gestaltungen aufruft. Die nationalen Juden sind gerade hier sehr merkwürdig gespalten. Dem extremen Sozialisten steht der extreme Bourgeois gegenüber und zwischen beiden ein Typusr der wreder das eine noch das andere ist und die ganze Frage einzig unter dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit betrachtet: weil in Palästina gewisse soziale Formen der Psychologie des jüdischen Arbeiters sowie den wirtschaftlichen Gegebenheiten zu entsprechen scheinen, deswegen sollen sie akzeptiert werden. Gewiß muß man in allem die Wirklichkeit der Dinge betrachten, aber man sollte meinen, daß das Erste, das Primäre, das Weltbild, die Idee an sich sein müßte, die im Einzelnen konkrete Gestalt annimmt. Es fehlt bei uns in allen Dingen an Plan und Voraussicht. In blindem Vertrauen auf die Wirklichkeit der Dinge, auf die natürlichen Tendenzen der Entwicklung läßt man alles gehen, wie es eben geht und läßt sich von dem, was so geworden ist, belehren. Solches unschöpferische, fast fatalistische Verhalten, solcher Verzicht auf jedes Lenken der Geschehnisse von einer dominierenden Idee aus ist auf die Dauer nicht denkbar. Hätten wir Menschen mit starkem Kulturwillen und ausgesprochenem Wirklichkeitssinn, dann wären wir in allen Dingen, und nicht zuletzt in der Erziehung, weiter als wir sind. Aber unseren Praktikern fehlt es an Tiefe und die tiefen Menschen bei uns begreifen die Wirklichkeit nicht. So kommt es, daß auf dem Gebiete der Erziehung kein System da ist, keine einheitliche Richtung. Es gibt in Palästina im besten Falle Unterricht, aber keine Erziehung. Mit dem Einführen europäischer Methoden und Disziplinen in den Unterricht, mit der Nachahmung europäischer Systeme ist es nicht getan; es müßte ein Schul- und Erziehungstypus von innen heraus entstehen, der den tiefsten Bedürfnissen unseres Wesens angemessen ist. Ein solcher Typus kann nur von einer höchsten zielsetzenden Idee aus bestimmt sein. Die, Problematik jüdischer Erziehung ließe sich gewiß an noch vielen anderen Erscheinungen darstellen. Wir wollen uns mit den angeführten typischen Beispielen begnügen. Betont sei, daß alles bisher Gesagte nur dann richtig verstanden wird, wenn die aufgezeigten polaren Phänomene als Grenzfälle zahlloser Wirklichkeiten aufgefaßt werden, als Endpunkte kontinuierlicher Reihen von Zwischenformen, wie sie das Leben bunt durcheinandermischt und wahllos kombiniert. Wenn wir für das Problem der Erziehung eine Lösung finden und dem jüdischen Erzieher einem Weg weisen wollen,*so müssen wir uns vor allem darüber klar werden, daß es in unserer tragischen 18