Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Die Problematik der jüdischen Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 17 (sequence 8)
- Language
- German
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Die Problematik der jüdischen Erziehung als es selbst zu sein und sich selbst zu leben. Sie sehen in diesem Streben eine bedauerliche Verirrung, eine tadelnswerte Abkehr von dem Weltbürgertum der jüdischen Idee, die für die ganze Menschheit gegeben wurde. Sie verstehen nicht und wollen nicht verstehen, daß der augenblickliche Verzicht auf diese weltumspannende Weite für die Zukunft der jüdischen Idee eine viel tiefer gehende Wirkung gewährleistet, weil er sie, die jetzt haltend wurzellos hin- und herschwankt, den Unbilden äußerer Mächte preisgegeben, im sicheren Boden realer nationaler Existenz verankert. Alle Erziehung weist zwei extreme Formen auf: sie ist konservativ oder revolutionär. Sie will Werte, die sie anerkennt, bewahren und hält darum an Formen, an Traditionen fest. Oder sie will Formen zerstören, Veraltetes, Überlebtes, des Wertes Beraubtes aus dem Wege räumen, um neue Formen, eine neue Tradition zu. schaffen. Auch diese Gegensätzlichkeit wirkt sich innerhalb des Judentums viel mächtiger aus als anderswo. Die Konservativen erscheinen starrer, unduldsamer, die Revolutionäre leidenschaftlicher, unbedingter als bei anderen Völkern. Die Gemeinschaft ist innerlich so wenig gefestigt, daß der erbitterte Kampf, der zwischen den extremen Richtungen zu entbrennen droht, geeignet ist, das Volksganze zu zerstören. Es gibt keine stärkere Gegensätzlichkeit als die zwischen dem buchstabengläubigen Orthodoxen und dem rationalistischen Aufklärer, der jeden religiösen Wert verneint. Es liegt im Wesen der jüdischen Idee, daß sie es auf die Dauer nicht erträgt, von starren Formen gebändigt zu sein. Wem jüdische Vergangenheit wirklich lebendig ist, dem muß alles Geschehen im Volke als ein ewiger, unaufhörlicher Protest gegen ein Gegebenes, das nicht mehr zureicht, erscheinen. Es gibt Aussprüche im jüdischen Schrifttum, die allem überlieferten Glauben, aller starren Dogmatik, zu der die Ansätze viel häufiger vorhanden sind, als man gemeinhin annimmt, Hohn sprechen. Dabei hält das Volk als Ganzes mit einzig dastehender Zähigkeit an den überlieferten Formen fest. Der Eintritt des jüdischen Volkes in fremde Kulturen hat den Gegensatz zwischen Konservativen und Revolutionären vertieft, und die Erziehung steht auch hier vor einem Problem, das sie mangels sicheren Instinktes des Erziehers sowie mangels eines starken Kulturwillens nicht zu bewältigen vermag. Dieses Problem hat nicht allein eine religiöse, sondern auch eine soziale Seite. Es ist zu fragen, ob die jüdische Weltanschauung es auf die Dauer ertragen kann, an den überkommenen Formen europäischer Wirtschaft festzuhalten; ob das jüdische Ideal, das ein sittliches und Der Jude, IX, Sonderheft II. 17