Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Die Problematik der jüdischen Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 16 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Viktor Kellner nichts gemein mit dem eines Chaluz, der sich hingibt in harter, zermürbender Arbeit und auf Kultur und Bildung verzichtet um einer höheren Kultur willen, der seine Hände das Fundament bauen. Nicht daß die Welt der Werte und die Welt der Tat grundsätzlich unvereinbar wäre; gewiß muß eine Synthese möglich sein und letzten Endes sind diese Welten eine. Aber jene verschiedenen Verhaltungsweisen der beiden Typen entspringen gegensätzlichen Urtrieben, die beide im Menschen angelegt sind. Und wo etwa bei harmonisch veranlagten Individuen, in denen Beschaulichkeit und Aktivität, Betrachtung und Tat sich die Wage halten, beides in ihrem Wesen und ihrem Werke Ausdruck finden könnte, dort hindert die Begrenztheit der menschlichen Kraft, hindern die ungünstigen äußeren Bedingungen solche harmonische Entfaltung. So bleibt dem jungen Juden anscheinend nur die Wahl: er muß sich für das eine oder für das andere Lebensideal entscheiden. Für beide zugleich hat, so scheint es, das neue Palästina noch keinen Raum. Die jüdische Erziehung hat mit diesem Gegensatz schwer zu ringen. Erziehung geht auf Wert; sie will Wert verwirklichen, will befähigen, Wert aufzunehmen. Die Tattendenz in ihrer Übertreibung und (unvermeidlichen) Verzerrung widerstrebt dem Wert um eines künftig zu verwirklichenden Wertes willen. Jenes Gleichgewicht der Kräfte, von dem ich oben sprach, kann dort nicht erreicht werden, wo eine so mächtige, das innere und äußere Leben bestimmende Willenstendenz den Menschen nach einer Seite reißt. Das Problem der jüdischen Erziehung ist: Wie ist jüdische Tat möglich ohne Verzicht auf jüdischen und allgemein menschlichen Kulturwert? Wie kann Aktivität, opfervolle Hingabe an ein Ideal —letzten Endes ist sie das Ziel aller Erziehung, aber doch wohl mittelbar — bestehen, ohne daß der handelnde Mensch einseitig, ungerecht und eng wird? Das ist im Grunde jener Konflikt, in dem sich altes und neues Judentum gegenübersteht. Jene nichtnationalen Kreise, die bewußt und unbewußt jüdisch sind, vielleicht nicht weniger jüdisch als die nationalen, vertreten in Theorie und Praxis die zuerst charakterisierte Richtung. Sie glauben an den sittlichen und religiösen Wert des Judentums, der erhalten bleiben kann, ja erhalten bleiben muß auch ohne irgend ein äußeres Tun infolge der ihm immanenten Kraft. Wie eng und der Weite des jüdischen Gedankens zuwiderlaufend erscheint solchen Menschen das Streben, das über die ganze Welt zerstreute, mit menschlicher Kultur erfüllte, der modernen Zivilisation gewonnene Judentum zurückzuleiten in ein kleines Land, ihm keine andere Aufgabe zu stellen, 16