Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1925-01-01 · 2 (1926) Sonderheft Erziehung · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
2 (1926) Sonderheft Erziehung
Article
Die Problematik der jüdischen Erziehung
Date
1925-01-01
Page
15 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101214-3101217-3110226--7809-3110275
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dis Problematik der jüdischen Erziehung Ein anderer Gegensatz, der mit dem eben angeführten teilweise zusammenfällt und doch wieder von ganz anderer Art ist, ist der Gegensatzzwischen Bildung und Tat. Es gibt einen Menschentypus im Judentum, der, durch das äußere Leben zur Tatenlosigkeit verurteilt, außerstande, das äußere Geschehen entscheidend zu beeinflussen, sich auf sich selbst zurückzieht und sich selbst, seinem höheren Ich und dessen Entwicklung lebt. Ihn kennzeichnet Distanz den Dingen und Menschen gegenüber. Er weiß aus dem sicheren Gefühl des Eigenwertes heraus richtig zu werten. Sein autonomes Ich fühlt sich niemals ganz eins mit dem, was außerhalb seiner ist. Doch für diese Lebensferne entschädigt bei ihm eine höhere Geistigkeit, die auf den Wert und den Sinn der Dinge geht. Wert und Sinn ist ihm mehr als Sein. Ihm gegenüber steht der Typus des tätigen, sozial-wirkenden, in der Gemeinschaft und für sie sich auslebenden Menschen. Das lange Abgetrenntsein der jüdischen Gemeinschaft von äußerem Tun, das Unvermögen des Einzelnen, die Geschicke dieser Gemeinschaft entscheidend zu beeinflussen, hat die Sehnsucht nach ihm geweckt, als sie jenen Typus formen half, dem Bildung, dem geistiger Wert das Höchste ist. Die große Aufgabe, die der gegenwärtigen Generation gestellt ist, die Aufgabe, ein Volk und ein Land aufzubauen, macht den Menschen der Tat nötig. Wenn jenen menschliche Weite charakterisiert, tiefes Verständnis für alles Jüdische und Nichtjüdische, Wille zur Gerechtigkeit, selbst um den Preis des Verzichts auf jüdischen Wert und Unwert, so ist der Mensch, der die Tat will, notwendig begrenzt, eng, oft ungerecht. Um seine Tat zu tun, muß er alles von sich weisen, was ihn stören, was ihn auf seinem Wege aufhalten könnte; doch ist er gewiß, daß sein Opfer nicht umsonst ist; er baut an Großem, dem die Zukunft gehört. Und dieses Große wird der Gemeinschaft zurückzahlen, was er um ihretwillen aufgegeben hat. Dabei ist sein Handeln nicht einzig von der Überzeugung bestimmt, daß er sich für andere opfert. Die Tat ist ihm selbst innerstes Bedürfnis. Sie ist der äußere Ausdruck eines mächtigen Triebes, der in ihm lebt; und er weiß, daß auch die Tat in die Tiefe führt. Für ihn gibt es seiner Anlage nach keinen anderen Weg zu ihr. Zwischen diesen beiden Typen klafft ein Abgrund. Das Lebensideal des modernen Juden, der der Idee lebt, einem Kunstwerk etwa oder dem Bau eines philosophischen Systems, der frei und unabhängig als selbständiges Ich der Welt gegenübersteht, dessen Geistigkeit ihn davon abhält, sich ihrem Getriebe handelnd oder leidend hinzugeben — ein solches Lebensideal hat scheinbar 15

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.