Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Die Problematik der jüdischen Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 14 (sequence 5)
- Language
- German
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Viktor Kelluer Enge des Volkstums hinauszuführen. Der kritische Geist des modernen Juden, der alles Halbe und Faule in der europäischen Kultur erkennen gelernt hat, der erbarmungslos ihre Schwächen durchschaut, ist leicht geneigt, sich verächtlich abzukehren von jenem Wenigen, das wir heute mit dem stolzen Namen „jüdische Renaissance" benennen, einem Namen, der mehr Wunsch als Erfüllung, mehr Hoffnung als Wirklichkeit ist. Wer nicht in dieses Judentum hineingeboren ist, wem es nicht als sein erweitertes Ich so selbstverständlich ist, daß er selbst dann, wenn er aus ihm herausgewachsen ist, mit allen Fasern seines Gefühls noch daran hängt, dem fehlt jene unmittelbare, rein gefühlsmäßige Einstellung, die alles Werten überflüssig macht. Wer werten muß, um zu besitzen, der hat nie besessen. So haben wir zwei jüdische Welten vor uns: die Welt des europäischen Juden, der, ohne jüdische Kulturwerte zu besitzen, aus jüdischem Empfinden heraus das Judentum sucht. Er findet es nicht in der Wirklichkeit des Lebens. Wenn es für ihn zu finden ist, so ist es in der Vergangenheit als gestaltete Wirklichkeit, als erstarrter Strom, und in der Zukunft als unwirklicher Schein, der gestaltet werden soll. Und er findet es schließlich in sich selbst als innere Wirklichkeit, als Wahrheit seines Wesens. Aber diese Wahrheit bindet ihn nicht stärker an eine jüdische Gemeinschaft. Sie hat nur die Kraft, ihn von der nicht jüdischen Umwelt zu scheiden, indem sie ihm immer von neuem seine Andersartigkeit zum Bewußtsein bringt. Und dieser Welt gegenüber eine zweite, die jenes Juden, der in jüdischer Tradition und jüdischer Gemeinschaft aufgewachsen, sein ganzes Leben lang in Gefahr ist, beides zu verlieren — oder der es schon verloren hat; er mag die fremde Kultur instinktiv ablehnen als etwas, das seinem Wesen widerspricht und ihn aus seinem Gleichgewicht zu bringen droht, oder er mag dieses Fremde sich und seinem Leben ersehnen. Zwischen diesen beiden Welten, der des entwurzelten europäischen Juden und der des noch (wie lange noch?) im Judentum wurzelnden vollzieht sich jener Prozeß, den wir die jüdische Bewegung nennen. Zahllos sind die Übergänge, die zwischen den Extremen liegen; aber immer wieder entbrennt der Kampf zwischen diesen Extremen, in der ganzen Gemeinschaft sowohl wie in ihren Einzelnen; der Kampf zwischen dem, was als Urgegebenheit in uns lebt, und dem, was von außen her mit immer stärkerer, immer unduldsamerer Gewalt von unserer Seele Besitz ergreifen will. Vor dem Erzieher steht diese Polarität als Aufgabe, als etwas, was er zu überwinden hat durch eine höhere Synthese. 14