Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1925-01-01 · 2 (1926) Sonderheft Erziehung · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
2 (1926) Sonderheft Erziehung
Article
Religion und Erziehung
Date
1925-01-01
Page
9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101214-3101217-3110225--7801-3110269
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Religion und Erziehung Bezirk erhalten hat, in den nichts eigentlich Neues, nichts Außerordentliches mehr eintreten wird, nichts mehr von dem, wovon Kindheit und Jugend seelisch gelebt hatten — deren Seele hatte doch von dem Außerordentlichen gelebt —, wenn alles, was die Phantasie des Kindes geschaut, was der Gedanke der Jugend als Zukunftswelt vor sich hin gestellt hatte, einer unabänderlichen Daseinswirklichkeit, einer so begrenzten, so engen und oft so dürftigen, gewichen und sie zum Leben geworden ist, dann scheint doch das, was die Kindheit und Jugend als ihre Fülle gehabt, verloren, die Phantasie versandet, das Ideal versickert, das Kind im Menschen gestorben, die Jugend im Menschen gestorben. Es ist die Zeit entre deux äges, die Zeit der Entscheidung, die Zeit, wo so oft aus dem, der ein Kind mit all seiner dichtenden Kraft war, der eine Jugend mit allen ihren bauenden Gedanken hatte, nun der Philister wird. In dieser Zeit offenbart es sich, wie der Gegensatz zum Philister der religiöse Mensch ist. Religion ist in einem Wesentlichen die Kraft, Kindheit und Jugend zu wahren, Phantasie und Ideal ins spätere Leben noch hineinzutragen, diese Kraft seelischen Gedächtnisses. Sie hatte es schon verhütet, daß der erwachende Intellekt die Phantasie vernichtete, daß die Jugend die Kindheit zerstörte, sie hatte die Phantasie als Phantasie des Weges zur Kraft des Zukunftsideals werden lassen. Sie will es jetzt geben, daß das Ideal nicht an Mauern des Lebens zerbricht, daß es als Ideal der festen Lebensstätte auch dem umfriedeten Leben seine Weite und Höhe gibt, daß die Seele ihre Phantasie und das Denken seine Richtung zu kommenden Tagen behält. Sie ist das, was über die Perioden hinausführt, die Perioden verbindet; auch innerhalb des Einzeldaseins ist ihre Kraft die der Unsterblichkeit. Durch sie leben Phantasie und Zukunftswille weiter. Der religiöse Mensch bleibt kindlich und bleibt jung. Aus Kindheit und Jugend richtet er in dieser dritten, der langen und dauernden Periode, sein Leben sich auf. Es ist die Periode des Wiederaufbaus. Kindheit und Jugend sind vergangen, aber als Kräfte des Lebens, als Vermögen der Phantasie und Vermögen des Ideals wirken sie fort. Der Kreis schließt sich. Die Kinder, die Jungen werden zu den Männern, den Frauen, zu Eltern von Kindern. Sie werden seelisch Eltern sein, Erzieher und Führer, wenn die Kindheit und die Jugend in ihnen geblieben sind. Sie haben ihr Leben aus Kindheit und Jugend sich wieder aufgebaut. Und nun baut sich ihr Leben von neuem, wie ein zweites Leben, in den Kindern wieder auf. In einem Zwiefachen sprechen Sätze unserer Weisen von dem Schöpferischen, dem Künstlerischen des Menschen. Wer 9

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.