Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Religion und Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Viktor Kellner in der Religion lebt, schafft sich selber, das ist das eine; wer einen Menschen in der Religion erzieht, schafft ihn, das ist das andere. Beides ist eins, ist dieselbe Kraft. Nur wer sich schafft, kann einen anderen schaffen. Nur wer Kindheit und Jugend noch hat, kann Kindheit und Jugend bereiten. Nur wer sein Leben aufbaute, kann einem anderen Leben zum Erbauer werden. Und er erfährt es dann, wie das, was er gibt, ihm zurückgegeben wird. Von seinen Kindern wird wieder sein Leben gebaut. An seinen Kindern gewinnt er Kindheit und Jugend, seine eigene Kindheit, seine eigene Jugend wieder. So hat das wundersame Wortspiel des Weisen die Verheißung des Propheten ausgeprägt: ,,Deine Kinder alle werden Jünger des Ewigen sein, und reich wird der Friede deiner Kinder sein" — ,,geschrieben steht: banajich, deine Kinder, und das Wort sagt dir: bonajich, deine Erbauer". VIKTO R KELLNER Bit Pv* biemattf iutr jftffctfdjen ©rs* efjuns In der Frage der jüdischen Erziehung offenbart sich wie kaum in einer zweiten von den vielen komplizierten Fragen unseres Diasporadaseins die ganze Problematik unserer Existenz. Während sonst das Leben des Einzelnen sowohl wie das der Gemeinschaft ein ständiges, ein tagtägliches Kompromiß mit den abnormalen Bedingungen unseres äußeren Lebens bedeutet, erscheint im Komplex der Erziehung ein Kompromiß grundsätzlich ausgeschlossen. Denn wenn irgend ein Gebiet praktischer Betätigung, so hat es die Erziehung mit Letztem, Absolutem zu tun; sie kann nur dann bestehen und wirken, wenn angenommen oder richtiger, wenn aufgezeigt wird, wie dieses Absolute in jedem Augenblick, in jedem, auch dem gleichgültigsten Tun des Erziehers, in jedem Aufnehmen des zu Erziehenden sich verwirklicht. Erziehung kennt ihrem Wesen nach kein Kompromiß; sie ist schöpferisches Verhalten berufener Menschen ebenso wie Kunst, Philosophie und Religion. Wie kann es also innerhalb eines unjüdischen Lebens, das zu Kompromissen zwingt, jüdische Erziehung geben, die ihrem Wesen nach nicht anders sein kann als kompromißlos und unbedingt? Muß jüdische Erziehung in der Diaspora nicht, den Einflüssen der Außenwelt preisgegeben, zu einem künstlichen Surrogat wahrer Erziehung werden? Doch bevor wir diese Frage beantworten, müssen wir uns klar machen, worin denn eigentlich 10