Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Religion und Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Religion und Erziehung Aufgabe als die, welche dem Kinde gegenüber gestellt war. Das Kind wird erzogen, im eigentlichen Sinne dieses Wortes, der junge Mensch wird geführt — wollte man das Kind schon führen und den jungen Menschen noch erziehen, man würde vergebliche Arbeit tun; dort erhält die Phantasie ihre Nahrung, die ihr eine reine Welt gibt, hier erhält das Ideal seinen Inhalt, der ihm die Kraft, zu leiten, gewährt. Darum hat die Religion auch hier wieder, in dieser zweiten Periode, ihre unvergleichliche Aufgabe. Sie vermag es, und kaum etwas anderes vermag es so wie sie, dem Leben und dem Ich, das die Gedanken des Menschen aufbauen, die Anerkennung und den wertvollen Sinn zu verleihen, alles Niedrige und Schlechte, alles Verlockende und Berückende daraus zu verdrängen und die Welt ihrer Forderungen und Hoffnungen, ihrer Gebote und Verheißungen hineinzustellen; sie stellt vor jeden „ein Bild dess, was er werden soll". Sie will das zweite Ich, das zweite Leben formen und prägen, so daß es zum Gepräge, zur Form des ganzen Lebens, zu seiner bestimmenden Kraft wird. Sie hatte schon die Phantasie zur Phantasie des Weges erwachsen lassen können, und damit hatte sie dem sittlichen Wollen die Bahn des Wachstums eröffnet, einen Übergang von der Kindheit zur Jugend aufgetan. Jetzt wird die Phantasie des Weges zur Erkenntnis und zum Willen des Weges, das bloße Bild zum Gebot, das Geschaute zur Idee. Der gebietende Gott zeigt die Richtung, und die Zukunft wird nun ein Ziel. Das Dichten und Träumen ist zum Sollen, das Wünschen zur sittlichen Tatkraft geworden. Das ideale Ich und das ideale Leben, wie die Religion sie gestaltet hat, treten vor das wirkliche hin, daß es zu ihnen komme und zu ihnen werde. Oder, um es in unserem Judentum zu benennen, das jüdische Ich, das jüdische Leben wird aufgerichtet als Führung und Forderung für das Dasein, als das, was erworben und erfüllt werden soll. Die Religion ist hier die Religion des Gebotes und des Zieles, die Religion der Verwirklichung. Hatte das Kind nur Wirklichkeit gekannt, in ihr nur gelebt, so erkennt der junge Mensch, was er zu verwirklichen hat; in der Religion erkennt er es. Sie zeigt ihm in dem Sinn alles Lebens den Sinn seines Lebens. Seine Zukunft wird ihm zur Aufgabe, 6r empfindet nun nicht nur, daß er lebt, sondern weiß, warum und wofür er lebt. Sein Leben gewinnt die Richtung und Leitung. Das ist in dieser Periode Erziehung. Damit kann in dieser Periode ein weiteres noch erreicht sein. In den Beziehungen zur Tatsächlichkeit und in den Wünschen, die über sie hinaustragen, sind die beiden Generationen, welche 7