Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Religion und Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Leo Baeck des Einschnittes, zu der zweiten Periode des werdenden Lebens, im Geraden. Hatte die erste Periode in der Phantasie ihr Eigenes, so ist diese zweite die des Intellekts. Hatte das Kind unmittelbar in der Welt gestanden, als ein Teil von ihr, und unmittelbar sich in die Welt und die Welt in sich aufgenommen, so steht jetzt etwas zwischen dem jungen Menschen und der Welt; zwischen ihm und ihr steht sein Intellekt. Das Kind lebte in der Welt naiv, harmlos; der Mensch nach der Wandlung lebt nicht eigentlich in der Welt, sondern er lebt mehr in seiner Vorstellung von der Welt. Das Kind hatte gefragt und gesucht, an den Platz der Frage tritt nun der Zweifel, an die Stelle des naiven Suchens das sentimentalische Grübeln. Das Ich und die Welt sind voneinander getrennt, sie gehören nur mittelbar zueinander; zwischen sie ist der Intellekt getreten. Das Kind stand in der Welt als ein Stück von ihr, der junge Mensch jetzt steht der Welt gegenüber, sie ist der Gegenstand seiner Gedanken und seiner Empfindungen, sie ist etwas anderes als er, sie ist ihm freundlich oder feindlich, er kämpft und ringt mit ihr, um sie oder gegen sie, er sucht sie zu gewinnen oder ihr zu entfliehen. Das Kind lebte im Augenblick; für den jungen Menschen treten die Stunden zueinander oder gegeneinander. Damit gewinnt der Mensch ein doppeltes Leben: das Leben in der harten Wirklichkeit, die ihn ergreift, ihn stößt, ihn beengt, und daneben und darüber das Leben in den stolzen oder wehmutsvollen Gebilden seiner Gedanken, in denen eine Phantasie, aber doch so ganz anders als die naive Phantasie des Kindes, fortlebt. Und ebenso wird sein Ich damit ein doppeltes: das Ich inmitten von Dingen und Menschen der Wirklichkeit und das Ich in der Welt und unter den Menschen der Vorstellung, das Ich des Raumes und das der Zeit. Der Mensch hat jetzt sein Leben und sein Ich, und er hat das Bild von seinem Leben und von seinem Ich, er kann das eine dem anderen anzunähern suchen, so daß das eine von dem anderen bestimmt und geleitet wird, aufwärts oder abwärts, er in ihm ein Ideal oder eine Verführung hat. Hing in der ersten Periode alles davon ab, was der Phantasie gegeben, wie sie geformt und gebildet und damit der Mensch geformt und gebildet wird, so kommt jetzt alles darauf an, welcher Inhalt und welche Kraft und welcher Platz diesem zweiten Leben, diesem zweiten Ich bereitet wird. Alle Pädagogik ist hier Pädagogik vom zweiten Ich, ist die Aufgabe, auf dieses einzuwirken, ihm seine ideale Lebendigkeit, seine sittliche Stärke zu geben, es zum Persönlichkeits¬ und Lebensideal werden zu lassen. Die sittliche Vernunft und der sittliche Wille werden jetzt gestaltet. Es ist eine ganz andere 6