Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Religion und Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Religion und Erziehung und die Kraft der Phantasie gegeben, und vielleicht ist es bei uns darum noch mehr die Frage für das Kindesleben, was seiner Phantasie gewährt wird. Hier gewinnt nun unsere Religion ihre entscheidende Erziehungsbedeutung. Sie kann zum Erziehungsschicksal werden. Denn nichts vermag so wie sie der Kindesphantasie ihre reine Befriedigung zu bringen, eine klare Welt um sie zu breiten. Sie wendet sich zu dem Kinde als ganzem Wesen, nicht wie sonst zumeist der Unterricht zu den einzelnen Gaben und Fähigkeiten nur, die er entwickeln will, sie tritt zu seiner dichtenden, suchenden, fragenden Seele. Sie spricht durch eine Welt von Bildern und Gestalten zum Kinde; alles, was sie gibt, führt sie auf dem Wege seiner Phantasie dem Kinde nahe. Alle die Menschen der biblischen Geschichte beginnen zum Kinde zu sprechen, von seinem All und seinem Leben ihm zu erzählen; nicht Sätze und Mahnungen stehen vor dem Kinde, sondern lebendige Menschen, die sein kindliches Organ ergreifen kann, die seine Phantasie immer wieder beschäftigen. Das Bild des Gotteshauses und der Gemeinde, das Bild, um das auch hier zu nennen, auch der hebräischen Schrift, nimmt das Kind in sich auf; rein als Bild kann und soll das alles zum Kinde sprechen. Nicht Andacht und Teilnahme am Gottesdienste will dem Kinde dort vorerst gewährt sein, sondern eine Welt für seine Phantasie — die katholische Kirche hat sich ihrer mit lebendigem pädagogischen Verstehen immer bedient —, eine Welt für sein Dichten und Bilden. Und vor allem die große Frage des Kindes, die Frage seines Suchens und Sehnens, die Frage nach dem Uranfang und nach dem Urende, nach dem, was ehedem und oben und jenseits ist, findet ihr Antlitz, das zu ihm blickt und zu ihm redet: es hört von Gott und es schaut zu Gott auf, es beginnt mit Gott zu sprechen, Gott zu vernehmen. Seine Welt, in der es lebt und die es lebt, gewinnt eine Bedeutung, eine Seele, die suchende Frage, zu der alles in seiner Welt dem Kinde wird, hat nun ihre Antwort. Und die Phantasie des Kindes kann jetzt zur sittlichen Phantasie, zur Phantasie des Weges werden. Das Kind erfährt, was es tun, wohin es gehen und wo es stehen soll; nicht als Gebot, das sich an die Vernunft und durch sie an den Willen wendet, kann die Forderung des Guten an das Kind herankommen, sondern nur als ein Bild, das zu seiner Phantasie spricht, als Bild des Weges, den Menschen gehen, den es selber gehen kann. Das Kind geht nun ,,mit Gott", es geht auf dem Wege, auf welchem es Gott vor sich sieht, auf welchem Gott es führt. Wenn die Kindesphantasie zu dieser Phantasie des Weges wird, dann vollzieht sich die Entwicklung zu dem Leben jenseits 5