Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Religion und Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Leo Baeck Was ist zunächst das dem Kinde Eigentümliche? Das Kind lebt unmittelbar in der Welt und erlebt sie unmittelbar. Es steht in ihr als ein Teil von ihr und läßt sie in sich hineinströmen; in ihm ist noch keine Scheidung von Innen- und Außenwelt. Es lebt in einer großen Einheit. Das ist die Naivität und Ursprünglichkeit, das dichtende Vermögen, man könnte fast sagen, die Genialität des Kindes. Der ist ein Dichter und Künstler, wenn oft auch nur in seinem Empfinden und Träumen, der diese Kindheitsbegabung, diese Unmittelbarkeit sich gewahrt hat. Das Organ, mit dem das Kind die Welt erfährt und sich in sie hineinstellt, ist die Phantasie. Für das Kind gibt es keine Grenze von Wirklichkeit und Schein, von Spiel und Ernst; alles ist ihm Welt und Wirklichkeit, der Traum oder das Märchen ebenso wie das, was seine Hände greifen und seine Füße erreichen. Alles ist ihm eben so sehr Spiel wie Ernst und ebenso Ernst wie Spiel. Es ist daher so oft eine falsche Annahme gegenüber dem Kinde, daß es lüge. Das Kind leugnet bisweilen, aus Furcht vor der Strafe, aber es lügt selten; es hat die Grenze zwischen Einbildung und Tatsächlichkeit noch nicht erlebt. Sein Empfinden und Denken hat nicht die festen Grenzen, nicht die Grenzen des Sichtbaren und Faßbaren; es steht nicht still und ist nicht begnügt, es sucht immer das Verborgene, das, was d a h i n t e r ist, es hat den Drang nach der Ferne, der Tiefe und Höhe hin, es fragt nach dem, was davor und danach ist, was wrar und sein wird, nach dem ersten Anfang und dem letzten Ende. Sein Wort ist das Warum, das Woher, dieses Wort seiner Phantasie. So viel Phantasie das Kind hat, so viel wahre Kindheit hat es. Wenn ihm jene durch die Not des Lebens, durch Armut und Enge, durch den allzu frühen Kampf des Daseins vorzeitig begrenzt und verkümmert wird, dann ist ihm ein Stück Kindheit genommen worden, es muß vor der Zeit innerlich alt werden. So viel an Phantasie ihm erhalten bleibt, so viel Gestaltungskraft ist dem Menschen erhalten. Nur der darum, in dem die Gabe der Phantasie geblieben ist, der selber noch zu dichten und zu sinnen vermag, wird ein Erzieher für ein junges Menschenkind zu sein vermögen. Es ist die Schicksalsfrage für das Kindesleben, welche Nahrung seiner Phantasie gegeben wird, die reine oder die unreine. Die menschliche Seele hat gleichsam den horror vacui. Wenn das Saubere nicht in sie hineintritt, so drängt sich das Unsaubere in sie hinein. Wird der Kindesphantasie nicht eine helle Welt erschlossen, so führt der Weg sie in die dunkle Welt der Unreinheit. Von uns Juden gilt das alles vielleicht noch besonders; uns ist, vielleicht noch stärker, wohl als Erbe des Orients, die Gabe 4