Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Religion und Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Religion und Erziehung er hat das starke Verlangen dazu; die Bedeutung, die er im eigenen Leben ergriffen hat, will im Leben des Menschenkindes neben ihm auch gerechtfertigt und verwirklicht sein. Den religiösen Menschen treibt es zum Erziehen. Wie er an sich ein Schöpfer zu werden suchte, will er es am andern werden. Dieser andere, und hier beginnt nun das wesentliche erzieherische Problem, ist ein Wesen, welches im Werden und im Aufwachsen sein Leben hat. Sein Körperliches und sein Seelisches gestalten sich. Die Art dieses Wachsens zu verstehen, um es formen zu können, ist die Aufgabe der Pädagogik, die sich darum auf der Kindes- und Jugendpsychologie, der Kenntnis der Seele des sich entwickelnden Menschen, aufbaut. Diese Psychologie steht vor einer Tatsache — und die Pädagogik wird den rechten Weg finden, nur wenn sie von dieser Tatsache ausgeht —, daß es nämlich im Leben des werdenden Menschen einen Einschnitt gibt, eine Cäsur, die eine Wandlung im Körperlichen und im Seelisch- Geistigen bestimmt. Dieser Einschnitt fällt in die Zeit vom 13. bis zum 15. Lebensjahre, in die Zeit der Pubertät. Er ist selbstverständich nicht ein plötzlich Entstehendes und einmalig Abgeschlossenes, er hat seine Übergänge und Verbindungen von dem Früheren her und zum Kommenden hin, aber das Ergebnis dieser Periode ist der Einschnitt. Eine Änderung, eine Umgestaltung hat sich in dem Wachsenden vollzogen, ein Neues ist geworden, das dem Erzieher andere Aufgaben stellt. Es gibt daher, in der Methode, nicht eine Pädagogik nur, sondern eine doppelte: die Pädagogik des Kindes, welches im eigentlichen Sinne erzogen, gebildet und gestaltet werden will, und die Pädagogik des jungen Menschen jenseits dieser Cäsur, der, genau genommen, nicht mehr erzogen, sondern geführt werden soll. So mancher Mißerfolg ergibt sich daraus, daß man die Methoden der eigentlichen Erziehung noch gegenüber den Menschen jenseits dieses Einschnittes sich auswirken lassen will, oder daß man umgekehrt Methoden der eigentlichen Führung, die der Jugend gegenüber die angemessenen sind, schon auf das Kindesalter anwendet. Oder, um von der Erzieherpersönlichkeit zu sprechen, so manche Enttäuschung kommt daher, daß Menschen, die nur das eine oder das andere vermögen, mit beidem betraut sein sollen oder wollen; auch der Lehrer zumeist ist Kindeslehrer, oder er ist Jugendlehrer; nur wenigen Persönlichkeiten ist immer das Können von beidem verliehen. In jedes der beiden Gebiete der Pädagogik tritt nun die Religion mit ihrem Besonderen ein. i* 3