Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Religion und Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leo Baeck dieses Künstlerische, das in aller Religiosität ist, hat dieses seihe Besondere wie die Gabe der Erziehung. Auch der religiöse Mensch formt etwas, in dem eine Form schon angelegt ist, sein eigenes Leben nämlich, er will sein Leben verwirklichen, seine eigene Individualität, die Form seiner Seele erfüllen, auch er in nie fertigem, stetigem neuen Beginnen. Religiosität und Erziehung sind aus der gleichen Wurzel. Diese kehrt sich dem eigenen Leben, jene dem des anderen zu, um zu gestalten und zu bilden. Sie sind beide in ihrem seelischen Zuge dasselbe. Religiosität ist eine nach innen gewandte Erziehung, Erziehung eine nach außen gerichtete Religiosität; sie ist das Hinausdringen des bewußten frommen Erlebnisses vom eigenen Ich, von der eigenen seelischen Welt zu dem Ich des anderen hin. Gemeinsam in ihnen beiden ist der tiefere Grund alles Künstlerischen auch. Hinter dem Vergänglichen das Bleibende erfahren, das Einmalige und Unmittelbare als Symbol des Ewigen erfassen, das Endliche als Offenbarung des Unendlichen ergreifen, das macht den Künstler. Und das ist auch Religiosität: diese Fähigkeit, im eigenen Leben das Ewige zu erkennen und zu erleben, im Tag und in der Stunde mit der Ewigkeit verbunden zu sein, so daß das Leben als Offenbarung des Göttlichen sich entdeckt. Und das ist es doch auch, was die Art des Erziehers ist. Wer im Menschenkind nur das Endliche und Zeitliche eines Menschenlebens, nur Monate und Jahre, nur Kräfte und Schwächen findet, der wird nie ein Jugendbildner sein. Erst wer für das, was im Kinde sich offenbart, den Sinn hat, es erlebt, wie das Ewige neu wird, die Schöpfungsgeschichte wieder einen Anfang hat, ein ,,Bereschith" wieder sich ereignet, wenn ein Kind in die Welt hinein tritt und in der Welt sich umschaut, erst wer darum weiß, gewissermaßen als ein Künstler dieses metaphysische Ich des Kindes erkennt, wird einen Menschen zu. bilden vermögen. Es ist darum nichts Zufälliges, daß die großen Jugendbildner tief religiöse Menschen gewesen sind. Was sie zu dem einen gemacht hat, machte sie dem andern auch. Die Gabe der Erziehung ist in einem Wesentlichen die Gabe des Gedächtnisses für sich selber — nur wer von der eigenen Kindheit noch weiß, findet den Weg zum Kinde —, und auch die Kraft der Religiosität ist dies in einem Wesentlichen; nur wessen Seele das Vermögen der Erinnerung hat — es gibt ein Gedächtnis der Seele, nicht nur eines des Geistes —, vernimmt die Stimme der Offenbarung. Religiosität ist eine Vorbedingung und ein Motiv alles Erziehens; wer erst einmal zu sich gelangt ist, den Weg zu sich beschritten hat, ist imstande, zum anderen hinzugehen, ihn zu entdecken und anzuerkennen. Und 2