Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Religion und Erziehung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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LEO BAECK KeUgtott uni Cr^f efjuug Einen Menschen erziehen, ist das Künstlerischste, was ein Mensch vollbringen kann. Der Erzieher wie der Künstler will ,,bilden'' und gestalten, sie beide wollen prägen, wollen eine Form geben, die aus ihrer schöpferischen Phantasie, aus der Fülle ihres Erlebens heraus geworden ist und in einem Stoffe sich verwirklichen, ihm eben diese Form verleihen will. Aber das, was der Erzieher erfüllen will, ist in einem höheren Sinne noch, oder zum mindesten in einem stärkeren Sinne, ein Künstlerisches. Der eigentliche Künstler schafft ein Werk, indem er die Form, die er erzeugt, in einem Stoffe ausdrückt, der nur Stoff, nur Material, gewissermaßen tote Materie ist, der ihm nur ein Mittel zu einem Zweck ist, ein Ausdrucksmittel ihm bedeutet. Das Werk ist darum auch eines Tages ein beendetes, fertiges Werk; die Materie hat ihrer Aufgabe genug getan, wenn sie geformt worden ist. Der Erzieher dagegen gestaltet einen ,,Stoff", der kein bloßer Stoff ist, kein bloßes willenloses Material, das erst durch die Form zu etwas Lebendigem, Sinnvollem werden soll, sondern sein Wunsch, zu bilden, ist einem Stoffe zugewandt, der schon von sich aus einen Sinn hat, dem schon eine Form, die sich gestalten und entfalten will, eigen ist, einem Stoffe, der nicht bloß Mittel des Ausdrucks, sondern schon selber Ausdruck ist, selber einen Zweck bedeutet. Sein Stoff ist die Seele des Menschen. Der Erzieher will eine Form, eine Individualität formen, er will eine Form zur Selbstverwirklichung, zur Selbstgestaltung bringen. Sein Werk ist daher etwas nie Fertiges, nie Abgeschlossenes. Er kann sich von seinem Werke zurückziehen, es seiner eigenen inneren Bestimmtheit, seiner Kraft der Selbstentfaltung überlassen, aber er erfährt nie die Künstlerstunde, in der es beendet ist. Ein künstlerisches Vermögen ist auch alle Religiosität. Auch sie will bilden und formen, sie will einem Gegebenen, einem Stoffe, einen Sinn geben; sie will verwirklichen und erfüllen. Seinen Gegensatz hat der religiöse Mensch im Philister, dem Menschen, der zu leben meint, schon wenn er etwas hat oder etwas tut, und der um keinen Wert seines Lebens, um keine Formung und Heiligung seines Daseins ringt, dem* Philister in seiner mannigfachen Erscheinung, der des Besitzes oder des Vergnügens, der Arbeit oder der Bildung. Der Philister ist der irreligiöse Mensch, er ist der eigentliche „Amhaarez"; in diesem weiteren Gehalt hat das Wort Hillels doch recht: „Ein Amhaarez ist nicht fromm." Und 1 Der Jude, IX, Heft 2. I