Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Pharisäertum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 127 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101216-3110021--7770-3110185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Pharisäertum" ges Beispiel: die Geschichte von dem Pharisäer, der Jesus nach dem größten Gebot fragt und zur Antwort die Worte des Alten Testaments von der Liebe zu Gott (V M. 6, 5) und zum Nächsten (III JVL 19, 18) gesagt bekommt. In dem zweifellos ältesten Text, bei Markus, fragt der Pharisäer im Ernst und empfängt Jesu Antwort im Ernst, sie durch seine eigene bekräftigend; und auf die wieder entgegnet ihm Jesus, er sei nicht fern vom Reiche Gottes. Aber die. zwei andern Synoptiker lassen den Pharisäer schon hinterlistig reden, um Jesus zu „versuchen", und der Fortgang des Gesprächs, die Repliken der Einigung im Zeichen des Gottesworts, ist gestrichen worden. Die zweite Schicht: Jesu Schelten der heuchlerischen Pharisäer ist freilich nicht das Erzeugnis einer Bearbeitung; aber was im Talmud selbst (Jeruschalmi Berachot 9, 5; Babli Sota fol. 22 b) von den Pharisäern selbst in einer bildstarken Ironie über die fünf pharisäischen Heuchlerklassen, über die „Gefärbten" gesagt wird, ist in seinem Pathos der Selbstreinigung dem Pathos in Jesu Reinigungswillen nicht unterlegen. Hier steht nicht der reine Mensch gegen den andern, sondern die Gefahr, die dem an die Gesetzesübung Hingegebenen von der Yerkehrung des Motivs und der Erlahmung der Seelenintention aus droht, wird hier wie dort erkannt und bezeichnet; nur daß der Pharisäer sorglich zwischen Wahrheit und Lüge, Echtheit und Verstellung scheidet, Jesus aber als ein von einer mehr nach außen gerückten Position aus Kämpfender diese Sorgfalt unterläßt und die ganze Menschenart, als wären sie alle Heuchler, im gleichen Anathema zu umfangen scheint. Aber die dritte, innerste Schicht: da ist freilich eine ganz wirkliche Gegnerschaft, deren Anblick vor jeder Verdunklung bewahrt werden sollte. Nur muß eben auch deutlich wahrgenommen werden, um was es geht. Ich sagte schon: die Pharisäer stellen das Gesetz in die lebendige Überlieferung ein, die, indem sie es auslegt, es abwandelt, wogegen die Sadduzäer eine unüberbrückbare Kluft zwischen ihm und dem Leben aufreissen. Wie steht nun Jesus zum Gesetz? Er lehnt die sadduzäische Entzweiung von Dort und Hier, von Sinai-Offenbarung und dem gelebten Augenblick ab; aber um die Einheit beider zu finden, will er nicht wie die Pharisäer in die Situation des Jetzt eingehen, vielmehr, er will noch weiter zurückgehen als die Sadduzäer, der Sinai genügt ihm nicht, er will in die Wolke überm Berg, aus der die Stimme schallt, er will dringen in die Urabsichl Gottes, in die Ur-Unbedingtheit des Gesetzes, wie sie war, ehe sie sich in der menschlichen Materie brach, er will das Gesetz 127