Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Pharisäertum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 128 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber „erfüllen*das heißt, er will seine Urfülle aufrufen und wirklich machen. Daß das Volk jetzt nicht eher als damals im Urreinen wird atmen können, rührt ihn ebenso wenig an, als daß ihn etwa die Ahnung anwandelte, wie die Völker, denen seine Lehre sich auferlegen wird, nur durch Aufreissung einer viel tieferen Kluft, als die sadduzäische war, der Kluft zwischen gemeintem undgelebtem Leben, d. h. durch die Sanktionierung des Widerspruchs den Schein seiner Nachfolge zu erzeugen vermögen werden. Nicht so die Pharisäer. Sie wollen die Wirklichkeit, nicht irgend eine Wirklichkeit, aber die Wirklichkeit aus dem Wort, sie wollen das Leben, nicht irgend ein Leben, aber das Leben im Angesicht, sie wollen das Volk, das Volk Gottes, aus ihm wirkend, auf ihn zu lebend; und so müssen sie die Brechung wollen, müssen sich im Diesseits der Wolke bescheiden. Die Pharisäer sind die Menschen eines heiligen Verzichts. Jesus spricht (Mk. 2,27): „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen4'; und er wendet an, indem er, in einem außerkanonischen, aber augenscheinlich echten Wort (Codex Bezae zu Lk. 6,4) zu einem am Sabbat arbeitenden Mann sagt: „Mensch, wenn du weißt, was du tust, bist du selig; wenn du es aber nicht weißt, bist du verflucht und ein Übertreter des Gesetzes". Die Pharisäer können, eingedenk, daß der Sabbat aus der Schöpfung stammt, nicht sagen, er sei um des Menschen willen gemacht; aber sie sagen (Joma 85 b; Me~ chilta zu II M. 31,14): »Der Sabbat ist euch übergeben, nicht ihr dem Sabbat!" und sie wenden an: Also liegt es uns ob, euch zu err möglichen, Gottes Sabbat als Menschen zu halten. 6. So ist es denn auch unrichtig zu sagen, wie Wilhelm Michel es tut, das pharisäische Judentum habe sich und seine Gottesbeziehung in einem Kodex festgestellt. Vielmehr wurde das rabbinische Judentum im selben Maße, als es die Überlieferung aus dem Aggregatzu-Y stand der unablässigen korrektiven Erörterung, des unablässigen Gegeneinander mit seinem kristallisationsgleichen Übergang zum Miteinander, also einer zwar schlechthin nachprophetischen, aber der Inspiration nicht unverwandten Lebendigkeit im Geist — und das ist die wahre Beschaffenheit des talmudischen Daseins — in den Aggregatzustand der abgeschlossenen Gültigkeit versetzte, der pharisäischen Lebensform untreu; und die gegenwärtige westliche Orthodoxie vollends ist ein neosadduzäisches Gebilde, nur daß aus dem sadduzäischen Heiligtum der Bibel ein die ganze talmudische Halacha mitumfassendes geworden ist. 128