Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Pharisäertum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 125 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„Pharisäertum" einander, sie entrückten jenes dem Weg des Menschen; damit aber stellten sie sich gegen das Walten des lebenden Geistes, der sich je und je eben aus dem Menschenmunde bekundet. Die Pharisäer aber* indem sie sich unterfingen, das Schriftwort „auszulegen4hoben es in den Raum des Weltgeschehens ein. Gerade weil ihre Auslegung letztlich dem wandlungsreichen Leben treuer war als dem unwandelbaren Text, gerade weil sie den festen Buchstaben nur deuten, um die strömende Wirklichkeit im Namen Gottes zu bewältigen, dienten sie Ihm, der seine Manifestation nicht verkapseln lassen will, sondern, wie das Werk seiner Schöpfung, so auch das seiner Offenbarung ,,an jedem Tag erneuert* 5. Was soll's denn nun aber heißen, was ein andrer der Beiträge dieses Heftes, der von Otto Flake, uns sagt: „daß der Pharisäer als menschlicher Typus und der reine, vom Leiden des Volkes bewegte Mensch" — Jesus — „damals in einer unvergeßlichen Tragödie zusammenstießen''? In welchem erdenklichen Sinn könnte mit Fug der Pharisäer .— natürlich nicht ein beliebiger, sondern einer der Führer — als nicht „rein*4 oder als nicht „vorn Leiden des Volkes bewegt" bezeichnet werden? Zunächst auch hier eine Feststellung, freilich nicht mehr eine kleine und leichte, sondern eine sehr schwerwiegende. Flake geht von der geläufigen Annahme aus, Jesus sei „von den Pharisäern getötet worden", ja, er meint sogar, daß, wenn dem nicht so wäre, „die Gestalt Christi die Idee und den Sinn verlöre". Doch wohl nur die falsche Idee und den falschen Sinn, um eine; rechte und einen rechten zu gewinnen! Jedenfalls: Jesus ist nicht von den Pharisäern getötet worden. Welchen Anteil immer die Juden an Jesu Verurteilung gehabt haben mögen, das eine ist gewiß, daß in ihrer obersten Behörde, der die richterliche Gewalt zustand, dem Synhedrion, die Pharisäer damals eine Minderheit waren, „als hornines novi, Eindringlinge in ein Gebiet, das eigentlich nicht das ihre war", denn „der eigentliche Ort ihrer Herrschaft war nicht das Synhedrion, sondern die Schule und das Leben" (Wellhausen); eine Minderheit also, und zwar eine volkstümliche und römerfeind- Hche der opportunistischen priesterlichen Aristokratie gegenüber. Und in der Tat, auch die evangelische Darstellung weiß als an dem Vorgehen gegen Jesus beteiligt nur Namen von Priestern, von Sadduzäern anzuführen. Aber das Neue Testament bietet uns mehr als diesen negativen Erweis; es erzählt auch (Apostelgeschichte 5,34 ff-)> I2'5