Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Pharisäertum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber Aber das ist nicht wahrer, als der „alttestamentarische Sinn", nur unpräziser, und daher nicht durch eine kleine Tatsachen-Feststellung zu erledigen. Wir müssen nun schon zu fragen beginnen, „was das eigentlich ist". Also die weltlichen Sadduzäer und — somit — die geistlichen Pharisäer! Nun verhält es sich doch aber so, daß diese weltlichen Sadduzäer die Partei der Priester waren (ob nun ihr Name zu Recht als Anhänger der Söhne Zaddoks", des salomonischen Ahnen des Priestergeschlechts, gedeutet wird oder nicht), und daß diese geistlichen Pharisäer die hasmonäische Dynastie vornehmlich deshalb bekämpften, weil sie, von ihrer Geschieh ts- und Zukunftsanschauung aus, dem Priesterkönigtum dieser Dynastie entgegen sein mußten, wie Dante der weltlichen Gewalt des Papstes. Woher aber dem Autor die Kunde kommt, sie hätten „das unabhängige jüdische Königtum der Hasmonäer dem Pompe jus zur Vernichtung empfohlen", kann ich nicht verstehen. Josephus, der einzige Berichterstatter des Vorfalls, weiß nur zu erzählen, daß, als die zwei feindlichen Hasmonäerbrüder ihre Thronansprüche vor Pompejus verfochten, „das Volk", richtiger „die Nation" (ethnos), mit der Königsherrschaft unzufrieden, sich gegen beide erklärte. 4. Aber vertraten denn die Pharisäer nicht, im Unterschied von den Sadduzäern, den Standpunkt des „starren Gesetzes"? Die umgekehrte Behauptung käme der Wahrheit näher. Die Sadduzäer erklärten die geschriebene Thora für bindend, ausschließlich sie, sie aber mit unerbittlicher Strenge. Die Pharisäer 3ahen in der geschriebenen Thora nur den Kern einer lebendigen Überlieferung, die zwar grundsätzlich nichts anderes als Übernahme eines Übersehenen, eines mündlich Erhaltenen, sein wollte, aber in ihrer Wirklichkeit doch in jedem neuen Geschlecht zu neuer Situation neuen Spruch tat; neuen Spruch, der sich freilich aus seiner Verknüpftheit mit der Tradition legitimieren mußte, aber deren Bestand eben doch erweiterte, modifizierte, ja wandelte. Für die Sadduzäer mußten für die gesetzlichen Bedürfnisse einer neuen Situation priesterliche Verordnungen sorgen, die nicht an das aus Gottes Munde abgeleitete Gesetz geschlossen waren; für die Pharisäer galt nur dieses Eine, dieses aber sprach seinen Sinn in jeder Versammlung der Berufenen mit einer Mächtigkeit aus, die der von himmlischen Stimmen überlegen war. So rissen die Sadduzäer das in heiliger Geschichte und heiligem Buch wohnende Gesetz und den gelebten Augenblick aus- 124