Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Der Jude im Kriege
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 112 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101216-3110018--7739-3110170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rudolf G. Binding Es vergingen kaum ein paar Wochen, so erhielt der Vizewachtmeister, der sich bei einigen Aufträgen und Unternehmungen hervorgelan hatte, auf Vorschlag des Generals das Eiserne Kreuz. Ais der General die Zeit für gekommen erachtete, schrieb fcr an mich einen Brief. Er stellte mir vor, wie man doch einen 'so tüchtigen jungen Menschen nicht wohl weiter ohne die silbernen Offiziersachselstücke herumlaufen lassen dürfe, da er alles in sich vereinige, was man von einem Offizier verlangen könne. Ich solle für den Vizewachtmeister, den er für die planmäßige Stelle eines Ordonnanzoffiziers in seinem Stabe vorsehe, einen Beförderungsvorschlag einreichen. Er würde die Eingabe befürworten. Da K. meiner Schwadron unterstand, hatte ich allerdings die Eingabe an den Kaiser zu machen. Die Befürwortung durch den Generai mochte helfen. Ich tat wie er es verlangte. Am folgenden Tage gelangte, ,da auch ich es meinerseits verantworten konnte, ein Vorschlag zur Beförderung zum Offizier im Beurlaubtenstande, wie ein derartiges Schriftstück sich zu nennen die Ehre hat, in die Hand des Generals. Alle Spalten wie sie die gestrenge Vorschrift für eine solche Urkunde verlangt waren säuberlich gezogen und ordnungsmäßig ausgefüllt. Der General überlas wohlgefällig die gemachten Angaben. Da standen Name und Vornamen, Geburtsdatum, Beruf. Der Mann lebte in geordneten Verhältnissen, der General hatte sich nicht getäuscht. Aber plötzlich erstarrte er. Denn da stand, gerade unter dem Wort Religion — es war nicht zu verkennen: gerade unter dem Wort Religion stand: mosaisch. Der General geriet in eine Aufregung ohnegleichen. Alles was preußisch in ihm war sträubte sich in ihm, und alles was christlich war nicht minder. Und der General war sehr preußisch und sehr christlich. Was tun? Er ritt sofort zu mir. „Haben Sie denn das gewußt daß K. Jude ist?" rief er. — „Gewiß habe ich das gewußt", sagte ich. — „Dann können Sie -ihn aber doch nicht zum Offizier vorschlagen!" sagte der General sehr überzeugend. — „Ich kann nicht finden", sagte ich, „daß sein Glaube in irgendwelcher Weise seine Tapferkeit, seine Brauchbarkeit, seinen Anstand und alle jene Vorzüge beeinträchtigt, die Sie, Herr General, wie Sie mir oft genug sagten, an ihm entdeckt haben und an ihm schätzen." 112