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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 106

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Der moderne Jude und der Staat
Date
1925-01-01
Page
106 (sequence 5)
Language
German
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Hans Goslar hat, ist, soweit man für eine Masse von Einzelindividuen überhaupt eine solche genereile Feststellung machon kann, andersartig gegenüber der seiner nicht jüdischen Mitbürger, gleichviel welcher Blutmischung und welchen Kulturkreises. Dieses AndersarLige aber, und das ist das Entscheidende, bedeutet keine Einengung und Mindertauglichmachung des staatsbürgerlichen Fühlens und Handelns des Juden. Vielmehr kommt1 diese Tatsache zweifellos dem deutschen Volke in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Wohlfahrt und Kultur in reichstem Maße zugute. Das deutsche Volk ist ein bodenständiges Volk mit einer gewissen Enge kontinentalen Denkens und in vielen Dingen infolgedessen von einer Schwerfälligkeit, die schon Bismarck konstatierte und einmal mit ein paar Glas Sekt im Leibe des Deutschen und ein andermal durch Blutsmischung mit den — Juden — zu beheben vorschlug. Bei all den prächtigen charakterlichen, geistigen und moralischen Eigenschaften des deutschen Volkes fehlt ihm nicht nur ein gewisser Esprit, sondern auch die Eigenschaft des Denkens in großen geschichtlichen Zusammenhängen und mit weltpolitischen, weltwirtschaftlichen und welthistorischen Perspektiven, alles Fähigkeiten, die das jüdische Volk in seiner dreieinhalbtausend jährigen Geschichte und seinen wechselvollen Schicksalen erworben hat. Hinzu kommt das leidenschaftliche Sehnen des Juden im guten Sinne nach Einheit, nach menschlicher Harmonie für den Einzelmenschen wie nach Einheit der Menschengruppen und der Gesamtmenschheit, sowie schließlich und endlich des ringenden und kämpfenden Menschengeistes mit Gott. Ein Stückchen von dieser Sehnsucht nach Einheit als dem großen Ziele der Menschheit steckt in all den jüdischen Politikern und Kämpfern, die gegen imperialistische Machtziele, gegen engherzige, nationale und kontinentale Absperrungspolitik, für Frieden und Überbrückung der Gegensätze und die endliche Versöhnung der Völker, somit für das Freiwerden der besten Kräfte der Menschheit für wahrhaft große Arbeiten und Ziele, sich einsetzen. Ein Einschlag dieses Wesens, ein Einschlag jüdischer Weltklugheit, jüdischer geistiger Aktivität und Agilität, die Durchtränkung aller Politik mit der ethischen Forderung der Voranstellung großer und tief religiöser Menschheitsgedanken kann keinem Lande und kann auch Deutschland nicht schaden. Nun aber ein weiteres. Diese jüdische Geistigkeit sollte, wie oben gesagt, erhalten werden sowohl im Interesse Deutschlands, das durch sie gewinnt, und das Männern eben dieser jüdischen Geistigkeit schon so viel verdankt, wie auch deshalb, weil wir Juden selbst der Ansicht sind, daß unser jüdisches Volk, ins Leben gerufen durch göttliches Wort zu gottgegebener Bestimmung, noch längst nicht das Endziel seines Weges erreicht hat, sondern, wenn auch vielleicht 106

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