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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 107

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Der moderne Jude und der Staat
Date
1925-01-01
Page
107 (sequence 6)
Language
German
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Der moderne Jude und der Staat noch durch manches Fegefeuer des Leidens und der Selbstschändung wie der Peinigung von außen, seinen Weg weiterschreiten muß, der es zu alter und doch neuer Schönheit und Größe führen muß. Zu Schönheit und Größe nicht nach dem abgelauschten Ideal eines waffenklirrenden Staates oder einer meerbeherrschenden, imperialistische Politik treibenden Macht, die soziale Gegensätze und Massenelend im Innern durch nationale Großtaten auf den Schlachtfeldern draußen übertünchen möchte. Sondern der Art, daß gemäß dem Geiste und dem Sinne der Thora, des, wie wir glauben, got(gegebenen, objektiv sozialsten und menschenfreundlichsten Staats- und Lebensgesetzes aller Zeiten und Kulturen, eine freie, glückliche und sozial gerecht fundierte jüdische Gesellschaft auf eigener, in friedlicher Arbeit gewonnener Scholle sitzt, von der aus sie den andern Völkern, die schon einmal die Bibel empfangen haben, ein Leben der Menschlichkeit, der freiwilligen Unterordnung unter das Göttliche und der sozialen wie politischen Versöhnung vorleben möchte. Dieses Ziel ist nicht nur für die Juden glückbringend, sondern es wird, wenn es erreicht ist, aus ihm Segen und Erlösung für die mehr denn jemals gepeinigte und von Kämpfen zerrissene Menschheit kommen. Aus diesen und ähnlichen Sehnsüchten, aus dieser Grundstimmung der jüdischen Seele, die, auch bei aller Verwurzelung in den Ländern, in denen wir als Staatsbürger und treue Arbeiter am Staat und Volk leben, doch ihr letztes und größtes Sehnen nach Einheit, nach Erlösung und Einswerden mit dem Göttlichen nicht erfüllen kann, ist letzten Endes auch das herausgewachsen, was man heute Zionismus nennt. Man mag der Ansicht sein, und ich teile sie, daß der politische Zionismus von heute nicht das Letzte und keineswegs etwas Endgültiges ist, daß er für die aus ihrem Judentum bereits entwurzelten, westeuropäischen, modernen Juden nur eine Etappe auf dem Wege zum Judentum zurück ist; daß er sich mählich und sicher über den Versuch mit politischen Mitteln und über die bloße Respektierung der einzigartigen religiösen und nationalen Struktur des Judentums hinaus zu der Ganzheit entwickeln wird, die die Thora, das Religiöse, Göttliche, nicht mehr nur als einen der Ausf iüsse jüdischer Kultur ansieht, sondern als die Grundlage und Existenzberechtigung des jüdisches Volkes, auf der allein sich auch seine Zukunft wieder aufbauen wird. Dieser Prozeß des allmählich sich wieder Hcimfindens zu der Tatsache nicht nur, daß man Jude ist und daß die Juden, um normal und gesund leben zu können, für ihre gequälten und gehetzten Massen und für ihre nach Eigenbesitz und Einheit dürstende Intelligenz ein Land brauchen, dem sie als Majorität ganz den 107

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