Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Der moderne Jude und der Staat
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 105 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der moderne Jude und der Staat sein, ja gewiß, daß von Spießbürgern und Literaturpäpsten Bartels'scher Färbung das nicht von ihnen als germanisch zuverlässig Geeichte als inferior und schädlich hingestellt und auch in Zukunft betrachtet werden wird. Aber nicht darauf kommt es an, sondern objektiv einmal darauf, daß für Deutschland diese andere, jüdische Note nicht wertlos und schädlich, sondern sogar eminent nützlich, vielleicht sogar notwendig sein kann, und sodann darauf, daß diese jüdische Note als ein Produkt von blutsmäßiger Erbschaft, Züchtung und Milieu vielleicht abgestritten, aber nicht ausgemerzt werden kann .So daß es vernünftiger und ehrenvoller wäre, sich mit ihr abzufinden, sie bewußt und freudig zu pflegen und weiter zu veredeln, als sie — im tiefsten Sinne undankbar gegenüber eigener Wiege und Ahnenschaft — abzuleugnen. Es wäre schöner und würdiger, es wäre historisch gerechter und dankbarer gewesen, wenn an der Bahre Hugo Preuß, etwa diese Sätze gesagt worden wären: „Der Mann, der hier liegt und von dem wir alle wissen, daß er das deutsche Volk und das deutsche Land geliebt und ihm seine Lebensarbeit geschenkt hat, war nicht deutsch in dem Sinne, wie Rassen Schützer und Völkische das Wort deutsch auslegen. Er war das Glied einer altjüdischen Patrizierf ami ie, und wenn er auch ganz erfüllt war von deutscher Kultur und deutscher Staats- und Nationalgesinnung, so war doch die Art dieses Mannes, diese Kultur und diese Gesinnung zu betätigen, das Produkt alt jüdischer Kultur und Geistesdisziplin, die in ihm, dem scharfsinnigen, geistig elastischen Kämpfer für Freiheit und Einheit ihren klassischen Ausdruck fand. So zeigte er, daß jüdische Art, Politik zu machen und Volksarbeit zu leisten, aufbauend und konstruktiv ist, daß das deutsche geistige Leben durch das Hineintragen der jüdischen Note im Denken und im Handeln, wie sie Rathenau und Preuß verkörpert haben, bereichert und verinnerlicht wird. Wer klug ist und wer das Beste Deutschlands will, der sollte deshalb nicht wünschen, daß alle deutschen Juden durch Mischehe und andere drastische Mittel der Auflösung und Entjudung sich so eindeutschen und assimilieren möchten, daß die spezifisch jüdische Note bald durch körperliche Vermischung und durch Aufgabe der geistigen Beschäftigung mit den Schätzen jüdischer Eigenkultur verloren geht, sondern er sollte wünschen, daß diese jüdische Eigenart gestärkt werde und erhalten bleibe/' Aber nichts derartiges ist gesagt worden. Deshalb sei es hier noch einmal offen ausgesprochen: Die nationale Gesinnung und die staatsbürgerliche Einstellung des Juden, sobald er nicht durch weitgehende assimilatorische Angleichung — kein Werturteil, sondern nur eine Konstatierung — seine jüdische Eigenart stark verwässert io5