Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Jude und Franzose
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jude und Franzose ment verstärken, wir werden ihm damit neue "Nahrung und beinahe einen Beweis liefern/' Nun, was mich betrifft, ich bin französischer Jude und ich halte mich mit aufrichtigem Gewissen für einen guten Franzosen. Ich bin in Frankreich, im Herzen von Paris geboren, meine Eltern und meine Großeltern lebten in Paris, und soweit sich die Geschichte einer bescheidenen Familie zurückverfolgen läßt — ich gebe zu, daß das nicht sehr weit ist — weiß ich nichts anderes, als daß meine Vorfahren Elsässer, das heißt also Franzosen gewesen sind. Ich selbst wurde als Franzose erzogen, ich habe an einem französischen Gymnasium studiert, ich hatte französische Freunde, ich war französischer Beamter. Ich glaube, in einem ziemlich hohen Maße mir die französische Kultur angeeignet zu haben; ich spreche französisch fehlerlos und ohne Akzent; ich habe nicht einmal in meinen Gesichtszügen besonders hervortretende Rasseneigen lüridichkeiten. Ich kann mich als assimiliert betrachten, und ich habe nicht den Eindruck, daß es eine Feinheit des französischen Gefühls, der französchen Ehre oder der französischen Kultur gibt, die mir fremd wäre. Trotzdem — ich fühle mich ganz als Franzose, und gleichzeitig fühle ich mich als J u d e. Ich habe niemals bemerkt, daß es zwischen diesen zwei Teilen meines Bewußtseins einen Gegensatz, einen wenn auch noch so geringen Widerspruch gegeben hätte. Ich war sehr frappiert, als mir einmal Weizmann etwas sagte, was mir eine sehr tiefe Analyse zu sein scheint, die nicht nur für uns Juden, sondern auch für viele andere zutrifft: daß es nämlich bei den Menschen sehr gut — ich will nicht sagen — eine Duplizität, aber jedenfalls eine Mehrheit dessen geben kann und beinahe immer gibt, was man das nationale Gefühl nennt. Ganz und gar einem Lande angehören, bedeutet nicht, daß man sich nicht in anderer Hinsicht als integrierenden Bestandteil einer anderen Gruppe, einer anderen menschlichen Gemeinschaft empfinden kann. Wir können uns ganz und vollkommen, als Franzosen fühlen, ohne daß dies von unserem Bewußtsein so ausschließlich Besitz ergreift, daß uns nicht die Möglichkeit bliebe, uns als integrierenden Teil einer anderen Kolle'ktivgruppe, welche immer es auch sein mag, zu fühlen. Und wir können mit Leib und Seele der jüdischen Gemeinschaft angehören, während wir uns gleichzeitig vollkommen als Franzosen fühlen. Darin liegt keine Schwierigkeit und kein Widerspruch. Ein Jude kann sich assimilieren, sich vollständig anpassen, ein vollkommener Franzose sein, und braucht trotzdem in keiner Weise und m keiner Beziehung das Band zu zerreissen, das ihn mit der jüdi- 87