Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Jude und Franzose
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leon Blum in allen Ländern, in jedem Milieu, bei jeder politischen Strömung dabei zu sein. Ich glaube in der Tat, daß die Geschichte dieses Werk, das in einem so kurzen Zeitabschnitt und ungeachtet alier Schwierigkeiten durchgeführt wurde, zu einem der wenigen ganz außerordentlichen zählen wird. Ich übertreibe hierbei wohl nicht; was mich selbst anlangt, so erwuchs mein erstes Interesse am Zionismus aus diesem Gefühl, und wenn ich das sagen darf, aus der Freundschaft, Sympathie und aufrichtigen Bewunderung, die ich für Weizmann persönlich empfinde. Frei, offen und ohne jeden Vorbehalt, wie es immer meine Art ist, möchte ich hier sagen, wie ich über die Haltung der französischen Juden im allgemeinen einem solchen Werk gegenüber denke. In Frankreich hat der Zionismus eine sehr geringe Unterstützung gefunden, sowohl in moralischer als auch in materieller Hinsicht. Das ist nun einmal eine Tatsache, man muß sie hinnehmen und nach ihren Gründen forschen. Es besteht kein Zweifel, daß im französischen Judentum dem Zionismus gegenüber eine gewisse Zurückhaltung bestand, eine gewisse Furcht, die aus einer ganzen Anzahl vielfältiger Empfindungen entstanden ist. Wenn ich von allen Umschreibungen absehen und die Sache so definieren will, wie sie ist, so ist die klarste, häufigste und meistverbreitete, die stärkste dieser Empfindungen eine nicht sehr heldenhafte, auch keine sehr sympathische: es ist ein der Furcht entstammender Egoismus. Die Juden Frankreichs leiden nicht. Es gab in Frankreich antisemitische Strömungen, die aber alles in allem niemals sehr schlimm waren. In Frankreich leben die Juden in Sicherheit und Gleichberechtigung. Die Furcht der französischen Juden kommt daher, daß sie glauben, durch eine allzu aktive, allzu offene Beteiligung am Zionismus diesen Zustand der Sicherheit und Ruhe stören und gefährden zu können,, den sie nicht ihrer Überlegenheit über die anderen Juden der Welt verdanken, sondern dem Zufall oder dem Glück, daß sie in einem freien Lande le»3en, wo das Gefühl der Gleichheit verbreiteter und wirksamer ist. — Dazu kommt noch ein anderes Gefühl: „Wenn wir uns aktiv an der zionistischen Propaganda beteiligen - sagen die französischen Juden - wenn wir uns als Zionisten deklarieren, werden wir damit nicht das Argument unterstützen, das immer gegen uns vorgebracht wird?" Was sagte man in Frankreich in den Zeiten des Antisemitismus? Man sagte: „Ein Jude kann niemals ein ganzer, vollkommener, ungeteilter Franzose sein; im Grunde seines Herzens bleibt er immer ein Jude, das heißt etwas anderes, fremdes, echtem Franzosentum nicht assimilierbares/' Und die französischen Juden sagten sich: „Wenn wir uns als Zionisten ausgeben, werden wir dieses Argu- 86