Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Die Brücke
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 83 (sequence 8)
- Language
- German
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Die Brücke die Frage, ob Deutschland ein kräftig gewachsenes,, aus seinem religiösen Kern sich selbst bejahendes und hochhaltendes Judentum in sich aufnehmen und ertragen kann. Mit Toleranz im üblichen Sinne ist es dieser Erscheinung gegenüber nicht getan; hier kann Toleranz nur ein Verstehen des Fremden aus einer unterhalb aller Form gelegenen, gemeinsamen Wirklichkeit sein. Nur dadurch daß das Judentum sich zu sich selbst bekennt und das Leben der anderen aus der Tiefe der eigenen Voraussetzungen begreift, nur dadurch, daß Deutschland sich aus seiner eigenen religiösen Tiefe mit der Tiefe des jüdischen Gedankens auseinandersetzt statt mit seinen äußeren Begleiterscheinungen, deren Peinlichkeiten allesamt aus der unscharfen und falschen Formulierung des Problems, aus seiner Verwischung und Verhehlung von beiden Seiten entstehen — nur dadurch kann hier der Boden einer wahren und fruchtbaren Toleranz geschaffen werden. Deutscher Christ und deutscher Jude einander Auge in Auge gegenüberstehend: der Mensch, dessen Wurzeln stark und selbstverständlich in der natürlichen Heimal ruhen, und der erst durch ihre Lockerung im ursprünglichen Erdreich sich seiner ewigen Heimat entgegenreckt — und der Mensch, der von seiner natürlichen Heimat losgerissen im Ewigen selbst wurzelt und nur von ihm her sich wieder einer irdischen Heimat zuwenden kann: allein indem sie so auf einander zutreten, kann das Problem einer wirklichen Lösung entgegen geführt werden. Dies schließt für beide Teiie eine Forderung in sich: eben die, die aus der Weltstunde selbst für beide entspringt. An den Juden ergeht aus ihr die Forderung der Wiedererarbeitung des eigenen Bildes und Wesens, an den Deutschen die, aus dem ihm natürlich gegebenen, rein nationalen Bild seines Wesens herauszutreten ins Eine und F/>vig-Menschliche. Und nun wird auch die Brücke sichtbar, die vom Juden zum Deutschen, vom Deutschen zum Juden führt. Diese Brücke ist für den Juden das ihm ursprünglich Gewordene: das Judentum — für den Deutschen das kraft einer Umkehr ins letzte Übernationale Erworbene: das Christentum. Nur indem der Jude in seinem nationalen Wesen selbst den übernationalen Kern und die übernationale Aufgabe ergreift, vermag er den Weg zum anderen rein zu sehen und unabgelenkt zu gehen. Und umgekehrt: um diesen Kern des jüdischen Wesens, den festen Punkt zu begreifen, aus dem allein alle seine positiven und negativen Erscheinungen zu bewerten sind, jene in der einheitlichen Doppelwurzel von Nation und Religion gegebene Fremdheit im Irdisch-Geschichtlichen, deren letzter gesam- 83