Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Die Brücke
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 82 (sequence 7)
- Language
- German
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Margarete Sussmann gilt, darum ist der heutige Augenblick des äußersten Hochstandes des Antisemitismus dennoch der Lösung des Problems weit günstiger und,, wie ich glauben möchte, auch1 näher als die gesamte Vergangenheit europäischen Judentums, weil eben in diesem Augenblick ein klares Bild des Juden sich aus der Verzerrung machtvoll wieder emporrichtet. Nur das tut not, daß der Blick durch den Strudel und Wirrwar der Meinungen hindurch von beiden Seiten fest auf den entscheidenden Punkt gerichtet sei. Ein so ernster, eigene wie fremde Vorurteile bekämpfender Betrachter wie Wolfgang Schumann sagt in seiner Auseinandersetzung mit dem jüdischen Problem, daß die Grundforderung der Deutschen an die Juden nicht die Zumutung enthalte, die Religion preiszugeben. „Keinesfalls deren ethisch-mein physische Gesinnungseinstellung; diese verträgt sich vollkommen mit deutschem Wesen. Die Befolgung der Ritualregeln und Sittengebote trennt Juden erheblich von Deutschen; ich für mein Teil hoffe und glaube, daß dieses anachronistische Gebräuchewesen bald von selber schwinden wird; seinen Abbau wünsche ich, wage aber nicht, ihn zu ..fordern'4 — im Notfall glaube ich, daß sich das deutsche Volk damit abfinden wird". Diese Bemerkung sieht am Kern des Problems ebenso wie an den Tatsachen der heutigen Weltstunde vorüber. Gerade darum handelt es sich nicht und darf es sich nicht handeln, daß das deutsche Volk sich mit einem äußeren Bestandteil des Judentums „abfinden" soll. Denn die Frage lautet ja heute gerade nicht, ob Deutschland ein im Erlöschen begriffenes und sich nach Möglichkeit anpassendes, sondern ob es ein in der Renaissance begriffenes, groß und stark zu sich selbst sich entfaltendes Judentum in sich aufzunehmen vermag. Gewiß wird die Befolgung des Gesetzes im äußeren Leben eine Fremdheit mehr zwischen Deutschen und Juden schaffen — wenn auch eine nur dem Grad, nicht der Art nach verschiedene von der, die Protestanten und Katholiken trennt. Und so lange man das Gesetz als ein „anachronistisches Gebräuchewesen" versteht, müßte man darum freilich seine Ablegung vom Standpunkt der Annäherung unbedingt fordern. Aber da das Judentum kein Protestantismus, keine bloße Gesinnungsreligion sondern die straffste Einheit von Innen und Außen, von Erkennen und Lehen, von Idee und Wirklichkeit, von göttlicher Bestimmung und menschlichem Tun ist, die die Geschichte kennt, so ist das Gesetz weit davon entfernt, ein totes äußeres Anhängsel zu sein. Es hat sein Leben mit dem Judentum selbst als das, was dem jüdischen Lebensverhältnis zum Absoluten seinen äußeren Ausdruck gibt, als das, wodurch erst das Judentum seine volle Gestalt und Sichtbarkeit empfängt. Und so ist es nur ein Prüfstein mehr auf 8 a