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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 81

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Die Brücke
Date
1925-01-01
Page
81 (sequence 6)
Language
German
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Die Brücke dem er das reale zu gestalten sucht. Auch als Politiker wird er nicht anders können, als an alles Geschichtliche unmittelbar einen übergeschichtlichen Maßstab anzulegen: darum werden wir ihn nur in seltenen Fällen und besonderen Konstellationen als Politiker auf der Seite der herrschenden Mächte, sondern fast immer um der tieferen Aufgaben und Ziele seines Landes willen gegen sie gerichtet finden. Ein Wesentliches im Antisemitismus scheint aus dieser Tatsache erklärlich zu werden: daß der politische Jude fast immer Revolutionär ist. Aber bei näherem Hinsehen ist nicht dies die Quelle des tieferen Antisemitismus, der uns hier allein angeht. Der Einsatz des Lebens zeugt und überzeugt den edleren Menschen zu tief von einer ursprünglichen, wenn auch unbegriffenen Lebenswahrheit die diesem Verhalten zugrunde liegt, und fordert seine Ehrfurcht. Zum mindesten muß es nachdenklich stimmen, daß man so oft in Schriften, die in diesem tieferen Sinne antisemitischen Charakter haben, der Gestalt Gustav Landauers als einer Ausnahme begegnet. Selbst Blüher sieht ja in seiner Ermordung eine nicht wieder gut zu machende Schuld Deutschlands, und für Wilhelm Michel ist Landauer sogar — wogegen er sich sicher durchaus gesträubt hätte— „entjudet". Nein, der im Sinne des ewigen Fremdlings auf Erden revolutionäre deutsche Jude ist — wie of t er auch aus demagogischen Motiven vorgeschoben wird — nicht der wahre Gegenstand eines Antisemitismus, mit dem sich auseinanderzusetzen überhaupt möglich und notwendig ist. Der wahre Gegenstand dieses Antisemitismus ist sein Gegenbild: der vermischte, auf Erden heimisch gewordene, im Irdischen aufgegangene und mit den anderen Völkern auf ihm nicht zugeteilten Plan sich messende Jude. Dieser ist es, der hinter allen Bildern und Formulierungen des Antisemitismus steht und immer wieder sichtbar wird. Politische und wirtschaftliche Machtstellurigen, die man dem Angehörigen jeder anderen Nation ohne Bedenken zubilligt, versagt und verdenkt man instinktiv dem Juden. Hier ist bloßer Neid gewiß keine ausreichende Erklärung, hier ist der Instinkt des Antisemitismus weit tiefer, als er selbst ahnt, und alfr seine meist so niedrigen, vorgeschobenen Einzelmolive und törichten Begründungen vermuten lassen; hier wehrt er sich — wiewohl sicher fast immer unbewußt— gegen die Verzerrung: gegen einen Menschen, der seine ewige Königswürde um zeitlichen Gutes willen wegwirft, der seine Erstgeburt um ein Linsengericht verkauft. Und weil aller wirkliche und berechtigte Antisemitismus im Grund nur diesem vermischten und verzerrten Bild des Juden Der Jude, Sonderheft, 6

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