Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Die Brücke
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 80 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101216-3110011--7695-3110138- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Margarete Susman selbst ist diese Grundtatsache unbegriffen, von der aus, wenn sie klar gesehen und wirklich gelebt würde, die ganze Judenfrage sich entwirren müßte. Um so schwerwiegender ist es, daß die westlichen Juden selbst zur Festsetzung von Mißverständnißen über diesen Punkt kaum weniger getan haben als die anderen Völker und daß sie, indem sie den zentralen Tatbestand verschleiert haben, dem Antisemitismus mächtig in die Hände gearbeitet haben. Dieser zentrale Tatbestand: die Kern- und Keimzelle des jüdischen Problems in der Diaspora, aus dem darum auch allein seine Lösung entspringen könnte, ist und bleibt die Tatsache, daß der Jude als der Mensch, dessen Nation und Religion, dessen Geschichte und Ewigkeit eins sind, bei dem also Nation und Geschichte selbst übernational und über geschichtlich sind, daß dieser Mensch eben darum in keiner zeitlichen Konstellation, in keiner Gestalt des geschichtlichen Lebens sein letztes Ziel haben und darum in keinem realen Staat und Land seine endgültige Heimat finden kann. Als ein Mensch solcher Art und Herkunft ist der Jude auch in Deutschland — so tief und innig er zugleich als Deutscher ihm verbunden, mit so leidenschaftlichem Ernst er in seinen reifsten Geistern in sein geistiges Leben eingekehrt ist—, nicht ganz und wahrhaft zu Hause. Aber er ist in Deutschland nicht mehr und nicht weniger fremd, als er es auf der Erde und in den irdischen Formen von Staat und Gesellschaft überhaupt ist. Und genau so viel und so weit ist er Jude, als er sich diese letzte Fremdheit gegen die endgültige Festlegung in den Gestaltungen des geschichtlichen Lebens bewahrt hat. Darum bedeutet diese Fremdheit keineswegs, daß der in Deutschland geborene und erwachsene Jude, der in der deutschen Sprache zuerst alle Werte seines Lebens empfangen hat, der mit deutschem Geist bis in die Wurzeln seines Lebens hinab durchtränkt ist und selbst diesen deutschen Geist in neuen Gebilden zur Blüte gebracht hat, nicht in einer bis zur Identität gesteigerten Nähe die Bedürfnisse und Aufgaben seiner zweiten Heimat in sich erfahren und für sie leben und sterben könnte. Wir haben von solchem realen Einsatz im letzten Jahrzehnt mehr als ein Beispiel gesehen. Nur daß der Fremdling auf Erden auf die Aufgaben und Ziele, seines Vaterlandes immer zugleich aus einem anderen, ferneren Gesichtspunkt blicken wird, daß er versuchen wird, sie in der ursprünglichen Ewigkeit zu verankern, in die durch die zeitliche Heimal hindurch seine noch tieferen, noch zarteren Wurzeln hinabreichen. Diese Ewigkeit ist es, die dem wahren Juden zuletzt immer das Bild des Staates und der Gesellschaft liefern wird, nach 80