Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Die Brücke
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 79 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Brücke stentum, das wiederum in einen erneuerten Protestantismus und einen erneuerten Katholizismus zerfiel. Und wenn wir uns nun die Frage stellen, was diese Ungleichheit der inneren Schicksale für die Deutschen und für die Juden bedeutet — eine Frage, die inhaltlich eins ist mit der, wie in ein Land so vielgestaltiger religiöser Bekenntnisse die Einheit eines weiteren: des jüdischen, sich einzufügen vermag — so will uns scheinen, daß in der durch diese Schicksale geschaffenen Lage selbst eine Lösung des Problems schon vorgezeichnet ist. Auf dem religiösen Boden, auf1 den sich beide Völker in ihren verschiedenen Aufgaben neu gestellt finden, auf einem Boden also, auf dem die Einheit weder in der Nation noch in der Bekenntnisform, sondern in etwas noch Tieferem, gestalllos Wirklichem ruht, von dem alle Einzelgestaltung erst der Ausdruck ist, ist im Ernst kein Antisemitismus möglich. Hier ist das jüdische Bekenntnis in eine gemeinsame letzte Lebenswirklichkeit einbezogen; hier ist das Verständnis des einen Volkes für das andere vor aller nationalen Besonderung unmittelbar gegeben. Aber gerade darum scheint hiermit für beide nur der eine Kern des Doppelproblems berührt: der religiöse — nicht der andere, scheinbar weit dringlichere und mehr Konfliktstoff schaffende: der nationale. Und doch: dämmert uns an diesem Punkte nicht aus dem Wesen des Judentums selbst der Umriß einer Lösung auf? Ist denn nicht gerade dies sein wahres Wesen: daß in ihm Nation und Religion eins sind? Ist nicht so bei näherem Hinsehen der Doppelkern des jüdischen Problems nur ein einziger? Sobald aber dies feststeht, muß nicht nur das ganze hundertfältig gewendete und durchforschte Problem der Doppelnationalität des deutschen Juden, das ihn immer wieder zu tragischen Entscheidungen für oder wieder die eine oder die andere Nation zu zwingen scheint, sondern auch das des Antisemitismus aus dem religiösen Kern das entscheidende Licht empfangen. Doch nicht einfach und ungebrochen vermag dies Licht ins Völkerleben auszustrahlen. Denn diese Einheit des religiös-nationalen Kernes ist gerade das, was den anderen, in einer ursprünglichen und immer wachsenden Trennung zwischen Nation und Religion lebenden Völkern am Judentum immer das Unbegreiflichste und eben darum der stete Stein des) Anstoßes ist. Denn weil sie es nicht begreifen, vermögen sie nicht daraus die Konsequenz zu ziehen: daß der Jude dadurch zur Nation und zur Nationalität überhaupt eine ursprünglich andere Stellung hat als sie alle. Aber nicht nur von den anderen Völkern, auch von der Mehrzahl der westlichen Juden 79