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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 78

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Die Brücke
Date
1925-01-01
Page
78 (sequence 3)
Language
German
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Margarete Susman überhaupt. Die Tiefe einer gemeinsamen Fragestellung sprang in beiden zugleich auf. Es stellten sich die Fragen nach dem ganz realen Leben und Tod des Einzelnen und seiner Beziehung auf das Ganze des Lebens neu — und die Gewalt dieser neuen Frage sprengte den rostigen Riegel des Idealismus und öffnete den Zugang zu dem uralten Lebensraum voll Dunkel und Licht wieder, vor den er für immer geschoben schien. Zweifach hat sich diese Abwendung vom rein gedanklichen * Lebensbild, diese Rückkehr zur vollen Wirklichkeit im Leben der deutschen Juden geäußert: als Wiedererwachen einer im Sterben liegenden nationalen Wirklichkeit in der mächtig anwachsenden zionistischen Bewegung — als neuer Anschluß an das geschichtliche Dasein des Volkes in einem erneuerten Bekenntnis zum Gesetz. Die tiefsten und reinsten Geister des deutschen Judentums finden sich heute auf diesen beiden Wegen. In umgekehrter Weise hat sich die Umwendung im deutschen Wesen selbst vollzogen. Dieselben Vorgänge, dieselbe Umkehr und Einkehr ins Herz der Wirklichkeit, die dem Judentum sein Gesicht und seine Kraft zurückgegeben, es aufgerichtet und auf sich selbst gestellt haben, haben das deutsche Volk in seiner äußeren und inneren Form gebrochen und es von seinem nationalen und geistigen Machttraum zu einer tieferen Wirklichkeit hingelenkt. Und so steht heute nicht mehr wie noch vor izwei Jahrzehnten dem fest auftretenden, frei ausschreitenden Deutschen das Bild des geduckten, gebückten, verhehlten und unsicheren Juden gegenüber; sondern in seinen geistigsten Gestalten schreitet der Jude heute frei und fest aus als der Mensch, dem ein klares Bild seiner selbst ins Innere gezeichnet ist, das es mit gesammeltem Willen in die Wirklichkeit zu gestalten gilt — während der Deutsche in seinen wachsten Geistern erst wieder das Bild seines Wesens unter den Trümmern seines zerstörenden Schicksals zusammensucht. So ist in diesem einen Augenblick, wo er endlich die nachschleifenden Ketten des Ghetto ganz abgestreift hat, der Jude in aller Tragik und Problematik seines Gesamtschicksals dennoch der glücklichere Mensch von beiden. Denn was er unter den Trümmern und Scherben der alten Welt wiederfand, war das eine, ihm von Ewigkeit vorgezeichnete und göttlich zubestimmte Bild jüdischen Lebens. Dagegen war, was der Deutsche darunter hervorgrub, von verwirrender Vielgestaltigkeit, die kaum mehr das deutsche Wesen als eines erkennen ließ; war heidnisches Heroen tum und Götterkult den einen, war die Inbrunst eines neuen Sozialismus oder Kommunismus den anderen, war wieder andern ein neues strenges Chxi- 7§

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