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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 77

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Die Brücke
Date
1925-01-01
Page
77 (sequence 2)
Language
German
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Die Brücke und Juden heute weit einfacher und klarer, als es noch vor zwei Jahrzehnten, ja vor einem Jahrzehnt denkbar schien. Dieses letzte Jahrzehnt vor allem hat die entscheidende Veränderung geschaffen. Nirgends in Europa — von dem wir Rußland ausnehmen — hat sich ja der Umschwung in den grundlegenden Tendenzen des Völkerlebens, den dies Jahrzehnt gebracht hat, deutlicher und erschütternder kundgegeben als im Leben der Deutschen und der Juden. Nirgends hat er in solchem Maße zugleich mit der äußeren Lage die innere und durch sie die geistige Grundhaltung entscheidend verändert. Denn dieser Umschwung, von außen gesehen das Zerbrechen einer Weltordnung, das sich in den ungeheuren realen Geschehnissen und Machtverschiebungen des letzten Jahrzehnts teils ankündigt, teils bereits vollzogen hat, bedeutet von innen her, von der Seite des Geistes gesehen, das Ende der Weltstunde, die mit dem Augenblick begann, in dem sich vor dem Auge des größten Schauenden, für alle Nachwelt sichtbar und verpflichtend, über dem Reich der Verwirrung und des Grauens ein Reich der gesetzhaften Klarheit als sein alles Wirkliche überstrahlendes Urbild und Vorbild entband. Diese Weltstunde, die die Wirklichkeit zerfällte und damit ihren Lebensnerv zerschnitt, scheint erst jetzt nach fast zweieinhalb Jahrtausenden endgültig abgelaufen. Erst in unserer Zeit, in der unter einer noch nie dagewesenen äußeren und inneren Bezwingung und Glättung des Lebens seine untersten Tiefen gewaltsam aufbrachen, der die verhehlte Wirklichkeit jäh ihr ganzes Entsetzen entgegenspie, ist die ungeheure Entwirklichung, die der Idealismus (und in umgekehrter Weise der ihm entsprechende Materialismus) an der Ganzheit des Lebens und gerade an seinem Höchsten und Tieffsten vollzogen hat, mit allen ihren Konsequenzen ins Bewußtsein getreten. Die Erkenntnis, die schon im vergangenen Jahrhundert in einzelnen erschütterten Geistern aufbrach: daß unter der Weltdeutung des Idealismus gerade das wirkliche Leben und der wirkliche Tod des Individuums und sein Angeschlossensein an ein umfassendes Ganzes: daß damit die religiösen Grundtatsachen selbst unberührt und unbegriffen unter und über ihr hinwegglitten: diese Erkenntnis hat das Leben und Erkennen unserer Zeit in seinen Tiefen verändert. In Deutschland, wo die weltüberspannende Blickeinstellung des Idealismus in der modernen Welt den reinsten und mächtigsten Ausdruck gefunden hatte, vollzog sich auch am entscheidensten die Abwendung von ihm. Und sie vollzog sich in den mit dem deutschen Geistesleben und gerade mit dem Idealismus so tief verbundenen deutschen Juden mit nicht minderer Gewalt als in den Deutschen 77

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