Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Die Völker und die Juden
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 73 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Völker und die Juden Gemeinschaft. Dennoch ist das Typische und Einigende spürbar, und selbst in der äußersten Wehrlosigkeit hält sich das hohle Gehäuse des Staates aus nichts anderem als aus den Eigenschaften seines Volksbestandes aufrecht. Irgend ein letztes Gefühl der Notwendigkeit, der Unentbehrlichkeit ist unser Schutz und unsere Verbindung mit der Welt. Kein Volk faßt so unmittelbar wie das deutsche seine Auflösung unter die Völker ins Auge. Aber das Merkwürdige ist, daß es dabei keinen Augenblick den Glauben aufgibt, der so lächerlich erscheint: daß auch dieses deutsches Schicksal sei, der Einkehr aller Völker in ein einziges Volk zu dienen. Vielleicht ist hier ein Nachgefühl des Reiches, dessen Oberhaupt noch bis vor hundert Jahren den Namen des römischen Kaisers führte, und das aus einer religiösen Idee, der des Augustin, geboren sein muß, wie könnte man ihm sonst den Namen eines heiligen Reiches gegeben haben? Vielleicht auch ein Vorgefühl des neuen Reiches, das mehr als ein Staat, mehr als ein Völkerbund ist. Es gibt heute kaum noch ein einziges Volk der Erde, das nicht mit einem an Verzweiflung grenzenden Gefühl, das zuweilen in Haß ausbricht, Angelegenheiten, die es für seine eigensten hält, in den Händen anderer sieht. Die Deutschen sehen sich in den Händen einer tief gesetzlosen, sinnlosen Welt unter dem Fluch der eigenen Gesetzlosigkeit und Verwirrung, und dennoch hält sie der Glaube an eine Bestimmung aufrecht. Dieses Schicksal verbindet sie mit den Völkern, auch das Schicksal der Wehrlosigkeit spielt da hinein, es verbindet sie vielfach mit keinem Volke stärker als mit den Juden. Wehrlosigkeit geht zweierlei Wege, den gemeinen und den edlen. Vielleicht, erklärt dieses Schicksal, im Streben nach der Verwirklichung des Weges, immer den einen oder den anderen Weg der Wehrlosigkeit gehen zu müssen, das Vorwalten der Juden in den revolutionären Ländern. Aber hier ist die Unsicherheit über das eigene Wesen und die Ungewißheit über das 'jüdische Wesen. Sic gibt diesem Vorwalten etwas tief Reunruhigendes. Der Erfolg der Juden, aber auch die Kritik dieses Erfolges, hat in den Ländern der europäischen Revolution einen hohen Grad erreicht. Auch hier ist der Abgrund offen. Da genügt nicht mehr das Wort von der Spannung zwischen der deutschen und der jüdischen Seele, die sich so oft in der selben Liebe treffen und beschenken. Es ist wahr, man sieht heute die Pflege des geistigen Lebens in Deutschland zu einem beträchtlichen Teil in jüdischen Händen, so daß es, wie Wilhelm Schäfer sagt, „beinahe aussieht, als wolle das deutsche Volk diesen ihm unwichtigen Teil seines Daseins den Juden überlassen". Die Verschiedenheit des deutschen und des jüdischen Charakters kommt ja auch in der Liebe zum Ausdruck. Zuweilen empfindet 73